Kommentar von Herausgeber Leo Lugmayr über die positiven und negativen Seiten der Atomkraft.

Noch einmal – wie vergangene Woche – die Schweiz. Die Eidgenossen rücken von ihrem beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft ab – ein Schritt, der nüchtern betrachtet, weniger überraschend ist, als er auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn die energiepolitischen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Was einst europaweit als konsequente Strategie erschien, nämlich der Ausstieg aus Kernenergie, wirkt heute angesichts von Blackout-Bedrohungen zunehmend wie ein riskantes Experiment mit ungewissem Ausgang.
Der Strombedarf wächst schneller als prognostiziert. Treiber dieser Entwicklung sind nicht zuletzt digitale Technologien, allen voran die künstliche Intelligenz, deren Rechenzentren enorme Energiemengen verschlingen. Gleichzeitig forciert die Politik den Ausstieg aus fossilen Energieträgern – sowohl im Heizungsbereich als auch in der Mobilität. Wärmepumpen, Elektroautos und neue industrielle Anwendungen erhöhen den Strombedarf zusätzlich. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob mehr Strom benötigt wird, sondern wie dieser verlässlich erzeugt werden kann. Hier rückt die Kernenergie wieder in den Fokus. Atomkraftwerke liefern konstant Energie – unabhängig von Tageszeit, Jahreszeit oder Wetterlage. Diese Grundlastfähigkeit ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Windkraft und Photovoltaik, die naturgemäß Schwankungen unterliegen.
Während Windräder auf ausreichend Luftbewegung angewiesen sind und Solaranlagen nur bei Sonnenschein ihre volle Leistung entfalten (siehe Nebel-Dezember 2025), erzeugen Kernkraftwerke kontinuierlich Strom und tragen so maßgeblich zur Netzstabilität bei. Auch die oft unterschätzte Frage des Landschaftsschutzes spricht in Teilen für die Atomkraft. Während Windparks weite Flächen prägen und nicht selten auf Widerstand in der Bevölkerung stoßen, benötigen Kernkraftwerke vergleichsweise wenig Raum. Sie erzeugen große Strommengen verbrauchernah und auf kleinem Gebiet. Nicht zuletzt spielt die Wirtschaftlichkeit eine Rolle.
Bei langfristiger Betrachtung erweist sich Atomkraft als kostengünstig und planbar. Im Vergleich dazu erfordert Photovoltaik zusätzliche Investitionen in Speichertechnologien und Netzausbau, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Abkehr der Eidgenossen vom starren Ausstiegsszenario erscheint aus dieser Perspektive als ein Ausdruck energiepolitischer Realität. Wer Versorgungssicherheit, Klimaschutz und wirtschaftliche Stabilität ernst nimmt, wird an einer ergebnisoffenen Debatte über die Rolle der Kernenergie kaum vorbeikommen. Noch dazu, wo die EU Atomkraft sozusagen als „grüne Energie“ – weil CO2-neutral – freispricht. Doch die Argumente gegen die Nutzung von Atomkraft sind seit Erfindung der Technologie unverändert: Das Gefahrenszenario von Atomunfällen und großräumiger Verstrahlung, ausgelöst durch menschliches Versagen (Tschernobyl), Naturkatastrophen (Fukushima) oder Kriegswirren, bleibt unvermindert aufrecht. Von der unsicheren Endlagerung ausgebrannter Uran-Stäbe ganz zu schweigen.
Die Argumente gegen die Atomkraft wiegen – nach wie vor – zumindest genauso schwer wie ihre Vorteile. Die Entscheidung für oder gegen die friedliche Nutzung von Kernenergie ist seit 5. November 1978, als sich die österreichische Wahlbevölkerung in einer Volksabstimmung mit 50,47 % gegen die Inbetriebnahme des betriebsfertigen Atommeilers in Zwentendorf aussprach, nicht leichter geworden. Vor diesem Hintergrund haben die Schweizer im Ausstiegsprozess kehrt gemacht und planen nun neue Atomkraftwerke. Warten wir ab. Wetten, dass diese Diskussion auch in Österreich wieder aufpoppt?

