Bürgermeister Werner Krammer, der interimistische Musikschuldirektor Walter Reitbauer und die Personalvertreterin der Musikschullehrerschaft Petra Humpel loten im „Ybbstaler“-Gespräch das Wesen des Musikschulunterrichts aus

Herr Reitbauer, Sie blicken auf zwei Perioden als Musikschuldirektor und lange Jahre als Instrumentallehrer und Musiker zurück. Wie hat sich das Bild der Musikschulpädagogik gewandelt?
Walter Reitbauer: Das Bild der Musikschullehrer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewandelt. In meiner Jugend haben sich die Blasmusikkapellen um ihren Nachwuchs selbst gekümmert. Der Vater hat dem Sohn das Instrument gelernt. Die Entscheidung, welches Instrument ein Jugendlicher lernen sollte, hing allein vom Bedarf ab, was die Musikkapelle gerade brauchte. Das hat sich völlig gewandelt. So wie sich das Bild der Musiker völlig gewandelt hat.
Werner Krammer: Musikschulunterricht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer umfassenden Ausbildung entwickelt, die weit über das Erlernen eines Instruments hinausgeht. Musikschulunterricht stellt längst eine wichtige Ergänzung zum Schulunterricht dar, weil die Regelschule das gar nicht leisten kann, was die Musikschule schafft.
Petra Humpel: Das Lernen des Instruments, das früher das alleinige Um und Auf des Instrumentalunterrichts war, ist heute ein Baustein unter mehreren. Weitere Bausteine sind soziales Miteinander, sich einfügen in ein Ensemble und aufeinander Rücksicht nehmen. Das lernt man ohne Notendruck in der Musikschule. Und noch wichtiger: Alle sozialen Schichten und alle Altersgruppen finden in der Musikschule zueinander.
Heißt das: Lernen eines Instruments ist zu einem Aspekt der Persönlichkeitsbildung geworden?
Reitbauer: Mit Musik kann man sich persönlich verwirklichen und Gefühle zum Ausdruck bringen. Das ist weit mehr als nur die technische Beherrschung eines Instruments.
Humpel: Was die Musikschullehrerschaft abdeckt, kann die Regelschule nicht abdecken. Vielleicht ist Musik die umfassendste Bildung überhaupt.
Krammer: Ich sehe zwei Bereiche, wo Jugendliche lernen, dass sich Anstrengung auszahlt: einerseits im Sport und andererseits im Lernen eines Instruments. Im Ensemble lernen die Jugendlichen, dass sie Teil eines Ganzen sind, dass sie Verantwortung für andere, auch Schwächere, tragen, und dass Toleranz wichtig ist, wenn einmal im Ensemble Fehler passieren.
Reitbauer: Die Musikschule schafft es, Künste zu bündeln und kreative Situationen für die ganzheitliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu generieren. Die Einführung der Kunstfächer Malen, Schmieden und Schauspiel waren dafür ein wichtiger Schritt.
Soll damit der Musikschulunterricht aufzeigen, dass Leistung sich auch auszahlt?
Humpel: Natürlich. Wenn man sich ansieht, wie viele Absolventen unserer Musikschule in namhaften Orchestern vertreten sind und als Solisten Karriere gemacht haben, dann sind das auch klare Vorbilder, dass man viel schaffen kann. Es sind Role-Models entstanden, die die Jugend motivieren. Die erfolgreichsten Schüler sind oft solche, die am Beginn des Lernens ein Handicap hatten. Sie lernen, dass sich Beharrlichkeit und Anstrengung auszahlen, um ein Problem zu bewältigen. Das ist sehr spannend bei unserer Arbeit!
Was macht guten Musikschulunterricht aus?
Humpel: Musikschulunterricht verlangt von den Lehrerinnen und Lehrern Freude und Leidenschaft. Das ist neben der Qualifikation vielleicht am wichtigsten. Es ist noch nicht lange so, dass die Musikschullehrer den heutigen hohen Stellenwert haben.
Krammer: Es war gezieltes und strukturelles Wachstum, das dazu geführt hat, dass wir den Musikschulverband heute eine der größten Musikschulen des Landes nennen dürfen: 68 Lehrerinnen und Lehrer, 1.200 Schülerinnen und Schüler. Es ist beachtlich, wie viele Instrumente wir heute abdecken und in welch hoher Qualität unterrichtet wird. Das ist auch der Grund, dass die Stadt und die Gemeinden den Musikschulbetrieb unterstützen. Diese Mittel sind bestens eingesetzt, weil sie ein Investment in die Zukunft darstellen!
Gibt es so etwas wie ein Erfolgsrezept unserer Musikschule?
Humpel: Das Erfolgsrezept des Musikschulverbands Waidhofen/Ybbstal basiert auf drei Säulen. Erstens: Die Unterstützung der Gemeinden ist vorbildlich. Zweitens: Die gute Infrastruktur schafft wunderbare Lernräume. Und drittens: Die Lehrerinnen und Lehrer machen ihre Arbeit mit großer Freude und Leidenschaft. Das ist in den vergangenen 40 Jahren Schritt für Schritt aufgebaut worden und auf dieser Basis entwickeln wir uns weiter.
Krammer: Die Entwicklung der Musikschule war auch ein Verdienst von Wolfgang Sobotka. Er hat schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren Studierende angesprochen und Leute aus den Musikkapellen für den Musikschulunterricht engagiert und damit Vernetzung geschaffen.
Reitbauer: Die Vision von Wolfgang Sobotka ist aufgegangen. Daraus ist in der Musikschule ein Zusammenspiel von Stadt und Land entstanden, das so wunderbar harmoniert und in dieser Weise einzigartig ist. Dass Musikschullehrer um die Jahrhundertwende ein Dienstrecht bekommen haben, das war übrigens auch Sobotkas Verdienst in seiner Rolle als damaliger Landesrat.
Humpel: Die Musikschule leistet viel für die Musiklandschaft der Region. Allein in Waidhofen haben wir fünf Kapellen, das Kammerorchester und die Volksmusik blüht auf. Dazu trägt die Musikschule viel bei und dafür wird sie auch allgemein geschätzt. Die Musikschule ist ein Haus der Begegnung geworden. Ich freue mich auf den Schulanfang!
Vielen Dank für das Gespräch!



