Kommentar von Herausgeber Leo Lugmayr über Grenzen im Kopf und warum der Saurüssel mehr verbindet als trennt.

Es ist wie in der Schule: Wer zuletzt in die Klasse kommt, sitzt in der ersten Reihe. Das gilt für die Kinder zu Schuljahresbeginn genauso wie für die Eltern beim Klassenforum im September. Genau das ist mir am Samstagabend in Hollenstein passiert. Als ich knapp vor Beginn des Konzerts des Ensembles „Les Amis“ in das Schloss Hohenlehen hastete, waren nur mehr Plätze in der ersten Reihe frei, worauf die Bürgermeisterin charmant lächelnd meinte: „Das sind die letzten Plätze.“ Und es war ein Glücksfall, denn sonst hätte ich das sympathische Paar, neben das ich platziert wurde, wohl nicht kennengelernt. Ich stellte mich kurz vor und erfuhr, dass die beiden aus Weyer zum Konzert nach Hollenstein gekommen waren. Was mich zuerst wunderte, war doch für den darauffolgenden Sonntag dasselbe Konzert als Matinee im Egerer Schlössl angesetzt. „In Weyer ist das Konzert längst ausverkauft“, erfuhr ich von meinen Sitznachbarn. Daher seien sie „über die Grenze“ nach NÖ gekommen. Über die Grenze? Ich habe kurz überlegt, ob ich „über den Saurüssel“ rückfragen sollte, denn – kein Scherz – so heißt der Pass nicht nur im Volksmund, sondern auch auf der Landkarte.
Wikipedia verrät: „Der Saurüssel, auch Pichlhöhe genannt, ist ein 552 Meter über dem Meeresspiegel liegender, hoher Pass in den Ybbstaler Alpen zwischen Niederösterreich und Oberösterreich. Der Saurüssel verbindet das Ennstal mit dem Ybbstal. […] Über die Passhöhe verläuft die Landesgrenze zwischen Ober- und Niederösterreich.“ So viel zur Geografie. Die Frage, die sich mir aber stellte, war: Ist das wirklich eine Grenze? Berufstätige pendeln hin und her, Scharen von Jugendlichen fahren aus dem Ybbstal in die berufsbildenden Schulen nach Weyer, noch mehr Oberösterreicher in die Gegenrichtung in die HAK und HTL nach Waidhofen. Unsere Zeitung, „Der Ybbstaler“, hat in Weyer und Gaflenz sogar eine erfreuliche Leserdichte, was auch der tollen Berichterstattung unserer „Korrespondentin“ Astrid Scharnreitner zuzuschreiben ist. Aber auch dem Umstand, dass viele Ennstalerinnen und Ennstaler zur Arbeit, zum Einkauf und zu Kulturveranstaltungen ins Ybbstal einpendeln. So wie meine Sitznachbarn eben. Bei den Musikschulen hingegen ist die Landesgrenze so etwas wie eine „Wasserscheide“: anderes Schulgeld, völlig anderes Lehrerdienstrecht, andere Schulferienordnung; ein Umstand, der Eltern mehrerer Kinder stets vor Herausforderungen stellt.
Wo zuletzt die Grenzen zu OÖ und zur Steiermark infrage gestellt wurden, war in Zusammenhang mit der Diskussion um den Notarztstützpunkt Waidhofen und das Landesklinikum, das für Rettungsfahrzeuge aus Weyer, Altenmarkt und St. Gallen oft erste Wahl ist. Auch beim Thema Gastpatienten in Wien hakt es aufgrund der Landesgrenze. Weiters sind Jugendschutzgesetze föderal geregelt. So müssen unter Sechzehnjährige, die in OÖ nur bis Mitternacht ausgehen dürfen, über die Grenze nach NÖ fahren, um hier – legal – bis ein Uhr weiterfeiern zu dürfen. Wie wär’s, wenn wir hier einmal das Verbindende vor das Trennende stellen würden? Wenn der Frühling kommt, werde ich einmal mit dem Rad über Hollenstein nach Weyer fahren. Ich nehme zur Sicherheit meinen Reisepass mit. Falls am Saurüssel ein Grenzposten steht.

