Einen großartiger Liederabend, hadernd mit Schuberts romantischer Tradition, bot der Waidhofner Bass Günther Groissböck im Großen Saal des Linzer Musiktheaters, kongenial begleitet von Florian Krumpöck am Klavier

Wenn der auf internationalen Opernbühnen gefeierte Bass Günther Groissböck auf der großen Bühne des Linzer Musiktheaters angesagt ist, dann ist das Publikum aus dem Ybbstal zur Stelle. Opernaffine Musikfeinschmeckerinnen und -feinschmecker unter ihnen haben sich den Zyklus „Great Voices“ bereits vornehm im fünfteiligen Gesamtpaket reservieren lassen. Abende mit der formidablen Sopranistin Julia Lezhneva und dem lyrischen Tenor Piotr Beczala begeisterten bereits im Oktober und Jänner, am 23. Februar gab nun der Waidhofner Günther Groissböck den Linzern mit Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ die Ehre. Was für ein Abend!
Schon der äußere Rahmen setzte Maßstäbe: Die Weite des Großen Saals des Musiktheaters bot gerade jene Parameter, die Groissböck mit ungeahnter Ausdruckskraft zu füllen verstand und in dem Groissböck „Die schöne Müllerin“ zu einem Ereignis von nahezu elementarer Wucht entwickelte. Was sich hier entfaltete, war kein zartes Biedermeieridyll, kein bloß melancholisches Seelendrama eines verschmähten Liebenden. Es war Welttheater – aufbrausend, existenziell, von überzeitlicher Gültigkeit.
Der Müllergesell als leidenschaftlicher Rebell
Nicht romantische Wanderseligkeit oder naturhafte Verklärung bildeten den roten Faden der Interpretation, im Zentrum stand die Erfahrung sozialer Härte, jene knallharte Ungerechtigkeit, die auch Schubert selbst nur zu gut kannte. Der Müllergesell erschien als leidenschaftlicher Rebell, der sich mit aller Kraft gegen gesellschaftliche Schranken stemmt, der Zurückweisung nicht duldet und selbst im „Des Baches Wiegenlied“ keinen versöhnlichen Trost findet. Sogar im Tod, der sich in Groissböcks Deutung gegen seine Gewissheit aufbäumt, bleibt dieser Mensch im Widerstreit mit seinem Schicksal.
Groissböck vollzog diese Interpretation mit grandioser Konsequenz. Seine unvergleichliche Stimme verlieh dem Werk – von Schubert ursprünglich für einen hellen lyrischen Tenor erdacht – eine neue, tiefschürfende Dimension. Die Weite des Raumes forderte nicht nur stimmliche Präsenz, sondern inspirierte auch zum Ausbruch aus jeder Zurückhaltung. Expressive Bilder, dramatische Zuspitzungen und eine unerschütterliche Textdeutlichkeit prägten den Abend. Jede Silbe erhielt ihr Gewicht, jede Phrase ihre innere Notwendigkeit. Und bei aller Kraft des Timbres glitt der Klang niemals ins Schwerfällige; vielmehr öffneten sich immer wieder lichte, beinahe verklärte Momente.
Kongenialer Partner Florian Krumpöck
Krumpöck erwies sich dabei als sensibler Mitgestalter. Mit nobler Zurückhaltung schuf er am Klavier den Raum, in dem sich Groissböcks Gestaltungskraft frei entfalten konnte. Wo andere vielleicht stärker variieren, vertraute Krumpöck auf Klarheit und Struktur und verlieh dem Sänger so jene tragende Basis, auf der sich diese kämpferische, fast anklagende „Müllerin“ entfalten konnte.
So gelang dem Duo eine fulminante Deutung, die nicht beschwichtigte, sondern aufrüttelte; die nicht besänftigte, sondern anklagte; die in all ihren Facetten stimmig war. Eine ungewöhnliche, tief bewegende Interpretation, hymnisch im Anspruch, kompromisslos in der Aussage und von nachhaltiger Wirkung.
Das Finale von Great Voices
Die Linzer Musiktheater-Reihe umfasst in der laufenden Saison noch zwei weitere Termine. Am
1. Mai unternehmen Rolando Villazón und die Lautten Compagney Berlin mit dem Programm „Viaggio dell’anima“ eine musikalische Expedition ins Italien des 17. Jahrhunderts. Das Abschlusskonzert am 21. Juni mit Anna Netrebko unter dem Titel „The Power Of A Voice“ ist allerdings bereits ausverkauft. Die oben genannten opernaffinen Musikfeinschmecker aus dem Ybbstal, die sich den Zyklus „Great Voices“ vornehm reservieren ließen, haben diesbezüglich leicht lachen.

