Propst Ulrich Küchl – ein großer Priester, Künstler und Freund auf seinem letzten Weg. Ein Nachruf als Einordnung.

Futura inquirimus (wir suchen das Zukünftige) – mit diesem Wahlspruch aus dem Brief der Hebräerbrief wurde am 5. September 1976 Ulrich Küchl als 46. Propst des Kollegiatstiftes Eisgarn installiert. Am 12. Mai 2026 hat sich dieser Wahlspruch vollends erfüllt.
Propst Ulrich Küchl war ein außergewöhnlicher Priester und noch mehr Seelsorger, ein Liebhaber der Musik und noch viel mehr ein facettenreicher Komponist, ein tatkräftiger Baumeister und noch viel mehr ein scharfsinniger Visionär – und er war für viele ein Freund und für manche sogar ein Lebensmensch.
Es würde den Rahmen dieses Nachrufs sprengen, wollte man seiner Persönlichkeit umfassend gerecht werden, dazu bräuchte man ein Buch. Deshalb sollen hier nur einige wenige Dimensionen schlaglichtartig ausgeleuchtet werden.
Propst Ulrich Küchl – Meister des Umbaus
Der Eindruck, den Propst Ulrich Küchl bei unserer ersten Begegnung im Hof der Propstei 1977 hinterließ, wurde für mich prägend. In der zuvor besuchten Kirche sah man, dass die Patina der Jahrzehnte vieles in einen dunklen Schleier hüllte. Das Propsteigebäude hingegen wirkte, als stünde es knapp vor dem Zusammenfall. Doch schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit waren die Spuren seines Wirkens unübersehbar. Der Hof zeigte die Zeichen des Umbaus für eine neue Infrastruktur. Ein Weg aus Pfosten über Erdhügel gab Orientierung. Und da stand der junge, dynamische Propst. Mit aufgekrempelten Ärmeln, erläuterte seine Pläne für den Umbau, strahlte Kraft und Stärke aus, lachte, würzte seine Ausführungen mit Ironie und Humor und vermittelte vor allem Überzeugung und Mut. Diese Grundhaltung blieb in all seinem Tun stets spürbar.
Propst Ulrich Küchl – ein Mann des Glaubens
Propst Ulrich Küchl war in erster Linie ein Mann des Glaubens, ein überzeugter und Gott zutiefst dankbarer Priester, wie er es selbst formulierte. Berührend nahmen die ehemaligen Ministranten – heute gereifte Persönlichkeiten – von ihrem „Leitstern“ Abschied. Für viele, für sehr viele, nicht nur aus Eisgarn, Eggern, Reingers, und anderen Pfarren des nördlichen Waldviertels, sondern darüber hinaus aus Niederösterreich und eigentlich aus ganz Österreich, war er Begleiter, Wegweiser, Diskutant und überzeugender Theologe. Er führte die Menschen von der Taufe über die Erstkommunion zur Firmung, unterrichtete sie in Religion, begleitete sie bei der Matura, manche traute er und gar manche begleitete er auf ihren letzten Wegen. Berührende Geschichten wurden anlässlich des Begräbnisses vielfach ausgetauscht. Er ermächtigte junge Menschen und gab ihnen Möglichkeiten – weibliche Ministrantinnen durften auch im Hochamt und gegen die Intention des Bischofs im Gottesdienst dienen. Das Stift entwickelte er entsprechend den Intentionen des Gründers. Als Gründer gilt der schwäbische Adelige Johann von Klingenberg, der es im Jahre 1330 als Corherren Stift mit spärlicher Grundausstattung ins Leben rief. Entsprechend dieser Gründungsidee wollte Küchl Eisgarn auch im Heute zum geistigen und geistlichen Zentrum des oberen Waldviertels machen, was ihm über lange Zeit hervorragend gelang. Auch die Kirche würdigte diesen Eifer und Einsatz und ernannte ihn 1996 zum Monsignore und 2003 zum Ehrenprälaten seiner Heiligkeit.
„Wer singt, betet doppelt“
Wer singt, betet doppelt. Dieser dem heiligen Augustinus zugeordnete Gedanke trifft auf Ulrich Küchl in besonderem Maße zu. Die Kirchenmusik, die Musik zu Ehren Gottes – vokal, instrumental, insbesondere der Orgel – das war sein Element. Bereits in Waidhofen an der Ybbs, während seiner Gymnasialzeit, spielte er die Orgel in der Klosterkirche. Im Priesterseminar, ausgebildet vom Domorganisten Graf, war es vor allem der Komponist Gottfried von Einem, der Ulrich Küchl nachhaltig beeinflusste. Ja, er darf als Schüler Gottfried von Einems bezeichnet werden, denn der Großmeister der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich um Ulrich Küchl in besonderem Maße angenommen, ihn ermuntert, gefordert, kritisiert und gelobt. Ulrich Küchl arbeitete meist als Auftragskomponist. Sein weitverzweigtes gesellschaftliches Umfeld erschloss ihm die verschiedensten musikalischen Kreise für die er komponierte. So finden sich in seinem Œuvre nahezu alle Gattungen. Der Bogen spannt sich von Sonaten, Kammermusikwerken – insbesondere Quartette für das Ensemble seines Bruders Rainer – Serenaden, Lieder, Kantaten, symphonisches bis hin zu Opern. In den Konzertsälen Wiens, beim Carinthischen Sommer, von Norwegen bis Bulgarien, in den Nachbarländern Deutschland, Tschechien und der Slowakei – ja sogar in Japan – wurden seine Werke mit großem Erfolg aufgeführt.
Eisgarn und das Kammerorchester
Seit 1977 kam das Kammerorchester immer wieder nach Eisgarn, um in der Stiftskirche zu musizieren. Das „Barockensemble des Kammerorchesters“, später „ensemble mosaik“, war von 1978 bis 2003 eingeladen, stets in der letzten Ferienwoche ein musikalisches Programm in Eisgarn zu erarbeiten, das anschließend an vielen Orten präsentiert wurde. Die zahlreichen gemeinsamen Diskussionen und musikalischen Stunden mit ihm am Klavier nach der Probenarbeit, begründeten eine tiefe menschliche wie musikalische Freundschaft. So widmete Ulrich Küchl eine Reihe von Werken dem Waidhofner Kammerorchester – eine Ehre, die wir als große Auszeichnung empfanden, diese Werke aus der Taufe heben zu dürfen. Für seine kulturpolitische und kompositorische Arbeit erhielt er 1997 den Kulturpreis des Landes Niederösterreich und 2001 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland. Seine initiierten Stiftskonzerte brachten das Who’s who der zeitgenössischen Musikszene nach Eisgarn. Balduin Sulzer, Augustinus Franz Kropfreiter, Herbert Lauermann, Horst Ebenhöh, Heinrich Gattermeyer – um nur einige zu nennen – präsentierten sich in den Waldviertler Stiftskonzerten einem interessierten und versierten Publikum.
Propst Küchl war auch ein Gestalter
Propst Küchl war auch ein Gestalter. Er renovierte die Propstei im Sinne des Gründers von Grund auf. Sein Ziel war sowohl eine Aufarbeitung der Geschichte als auch eine umfassende baulichen und spirituelle Erneuerung. Auch Jahrzehnte später strahlt der sakrale Innenraum in hellsten Farben, wenn dazu noch die Fülle des Orgelklangs aller drei Instrumente gleichzeitig erklingt, vermeint man dem Himmel ein Stück näher zu sein. Das Propsteigebäude wurde umfassend renoviert, mit neuen Elementen ausgestaltet und durch Werke zeitgenössischer Künstler geadelt. Besonders die Secco-Wandmalereien Arnulf Neuwirths bei der Feststiege, die die Geschichte des Stiftes komprimiert erzählen, machen einem bewusst, mit welcher Feinsinnigkeit und Durchdachtheit Propst Küchl die Renovierungsarbeiten vorantrieb. Durch die Sanierung wurde die Baugeschichte transparenter und für jeden Besucher erfahrbarer. Neue Messgewänder gab er ebenso in Auftrag, wie neue liturgische Gegenstände – stets mit dem Ziel, nicht das Äußere zu betonen, sondern die Ästhetik und den Bezug zum Gottesdienst zu unterstreichen. Eine besondere Kostbarkeit stellen die drei Orgeln der Stiftskirche dar, die sowohl einzeln, als auch von einem zentralen Manual aus bespielt werden können und mit ihrem einzigartigen Klangbild, das die vielfältigen Register entfalten, ein Unikat darstellen.
Der Historiker und Autor
Propst Küchl beschäftigte sich intensiv mit der Regionalgeschichte und publizierte – so zur 600-jährigen Geschichte der Schule in Eisgarn, zur sozialen Lage der Hilfslehrer im Dekanat sowie zu seinen Vorgängern, insbesondere zu Stefan Biedermann. Eine besondere Stellung innerhalb seiner Publikationen nimmt sein Buch „Im Hermannsdorfer Exil – Erinnerungen an einen Skandal“ ein.
Propst Küchl ein „homo politicus“
Als ein „homo politicus“ darf Propst Küchl im wahrsten Sinne des Wortes genannt werden. Er nahm sich der gesellschaftlichen Belange seiner Pfarreien Eisgarn und Eggern, sowie der gesamten Region mit großem Engagement an. Er war einer, der die Menschen aufrief, gegen die Errichtung eines Atommülllagers Stellung zu nehmen. Die Waldwirtschaft im Eigenwald des Stiftes sollte beispielgebend werden für nachhaltiges Wirtschaften – Einzelstammentnahme und Naturverjüngung galten in den frühen 1980er Jahren als echte Pionierarbeit. Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, war es Ulrich Küchl, der Menschen aus den benachbarten Regionen einlud, sein Haus für Künstler aus Tschechien öffnete und von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Sinne eines erweiterten, gemeinsamen Europas überzeugt war. Dieses Wirken für das Gemeinwohl war wohl auch der Anlass, dass ihm die Gemeinde 1999 die Ehrenbürgerschaft verlieh. Dieser Haltung blieb er bis zum Ende seines Lebens treu, wenngleich er in den letzten beiden Jahrzehnten immer wieder durch die „kirchliche Obrigkeit“ massiv eingeschränkt wurde.
Schicksal, Flucht und Vertreibung
An seiner Wiege – 1943 in den Wirren des Krieges in Königsberg geboren – standen Flucht und Vertreibung. Dieses Schicksal musste er auch nach dem Jahr 2004 immer wieder verspüren. Ab diesem Zeitpunkt begann seine „via crucis“ die ihm persönlich psychisch wie physisch zusetzte.
Selbstverständlich musste man nach den Vorkommnissen im Priesterseminar reagieren. Er selbst hatte die Schritte eingeleitet, um diese untersuchen zu lassen. Die Reaktion der Diözesanverantwortlichen und jener, die für die gesamte Kirche Österreichs Verantwortung trugen, war jedoch nicht nur überbordend, sondern nachgerade menschenverachtend. Deshalb sei Ulrich Küchl noch einmal zitiert.
„Im Hermannsdorfer Exil“
Im Geleitwort seines Buches „Im Hermannsdorfer Exil“ das er mit gebotenem Abstand zu den Ereignissen der Jahre 2004 und 2005 verfasste, schrieb er:
„Ich gebe zu: ich habe dieses Buch geschrieben, um ein Trauma zu bewältigen. Fünf Jahre weltweite Verachtung und anschließende fünf Jahre Vertreibung und Exil hatten mich einer bis an das Erträglichkeitsmaximum grenzenden Belastung ausgesetzt, mit nicht unbedeutenden Folgen für meine psychische und physische Gesundheit. Immer noch bin ich jedoch ein überzeugter und Gott zutiefst dankbarer Priester. Daran konnte auch die verlogene Inszenierung der weltweiten medialen Verleumdungskampagnen einiger ‚Brüder‘ aus höchsten Kirchenkreisen nichts ändern – ein Medienfeldzug, den ich als schwer verletzend und desillusionierend empfunden habe. Als noch quälender und verletzender empfand ich jedoch den Umstand, dass ein Priester im Konfliktfall innerhalb der katholischen Kirche völlig rechtlos ist. Den obersten katholischen Verwaltungsbehörden steht es frei, Entlastungsbeweise zu unterdrücken, ein innerkirchliches Gerichtsverfahren zu verweigern und kirchliche – für den Beklagten rechtsfreundliche – Gesetze im Bedarfsfall auch rückwirkend aufzuheben. Die fünf Jahre meines Exils waren eine Zeit intensiven Nachdenkens, sowohl über die Ereignisse in den Katastrophenjahren 2004 und 2005 als auch darüber hinaus. Wie es langes Nachdenken so mit sich bringt, bewegen sich die Gedanken auf verschiedenen Zeitebenen, die manchmal langsam, manchmal abrupt ineinander übergehen. Ein bunter Reigen von Assoziationen ist entstanden. Zweifellos sind es Erinnerungen einer verwunderten Seele, nichtsdestoweniger aber auch kirchen- und gesellschaftshistorische Zeugnisse, belegt durch eine umfassende archivalische Dokumentation der Ereignisse.“ Eisgarn, am 22. November 2018, Ulrich Küchl
Ein Weg in Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit
Seinen Lebensweg nach diesen Ereignissen ist Ulrich Küchl weiterhin mit Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit gegangen. All jenen, die den Stab über ihn brachen sei Matthäus 7,1 in Erinnerung gerufen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugeteilt werden.“
Dass anlässlich der Berichterstattung über seinen Tod aus diesem reichen Lebenswerk des Priesters, Komponisten und gesellschaftspolitisch Engagierten in manchen Medien letztlich nur ein einziger Aspekt herausgegriffen wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf jenen widerlichen, degoutanten Meinungsjournalismus, der mit seriöser Information und Recherche nichts gemein hat. Reißerisch und dem Toten noch geistig nachtretend – wie es manche Redakteure getan haben, die nicht müde werden überall Moral einzufordern – gehört zu den verabscheuungswürdigsten Haltungen.
Ehrenmitglied des Waidhofner Kammerorchesters
Ulrich Küchl setzt sich in „Im Hermannsdorfer Exil“ auch mit der Frage des Zölibats auseinander. Den Zölibat, den er selbst nicht in Frage stellen will, hält er für eine außergewöhnlich faszinierende, zugleich aber anspruchsvolle und anstrengende Lebensform, der die Möglichkeit, die eigene biologische Existenz durch Nachkommen fortzusetzen, versagt bleibt. Er zitiert Enea Silvio Piccolomini – Sekretär und Rat Kaiser Friedrichs III., der 1458 als Papst Pius II. den Thron Petri bestieg: „Was ist süßer auf Erden als ein Ebenbild zu zeugen, gleichsam sein Blut zu verbreiten und einen zu haben, den man auf der Welt zurücklässt? Und was ist seliger auf Erden, als die Kinder seiner Kinder zu sehen? Mir ist es eine große Freude, dass mein Samen Frucht trug …“ Propst Ulrich Küchl hat den Zölibat geschätzt und trotzdem eine „Schar von Kindern“ in die Welt gesetzt, seine Musik: Mehr als 50 Kompositionen zeugen von seinen beeindruckenden intellektuellen und spirituellen Fähigkeiten, wobei er den schrillen Dissonanzen stets auch die befreiende Konsonanz entgegensetzte. Dass er sein letztes unvollendetes Werk meiner Frau und mir als Cello-Duett zu meinem 70. Geburtstag gewidmet hat, hat mich zutiefst berührt. Das Kammerorchester wird seinem Ehrenmitglied, einem bedeutenden österreichischen Komponisten und unschätzbaren Freund, ein lebendiges Andenken bewahren.
Wolfgang Sobotka


