Veröffentlicht am 3. Oktober 2026

Interview mit Arbeiterkammer-Präsident Markus Wieser

„Ja, ich würde es wieder genauso machen“

AK-Präsident Markus Wieser mit einem seiner Wahlsprüche in seinem Büro in der AKNÖ in St. Pölten: „Mehr Mut für Neues als Mut zur Mutlosigkeit.“ © Leo L.


Arbeiterkammer-Präsident Markus Wieser ist in Böhlerwerk aufgewachsen. Im Gespräch mit dem „Ybbstaler“-Herausgeber Leo Lugmayr erzählt er von seiner Karriere, von riskanten Helikopterbuchungen, vom Sonntagberg als Lebensanker, vom Hobby „Stöckln“, von Kinderrehabilitation und davon, was er der Jugend und der Politik raten würde.

Sie sind in Böhlerwerk aufgewachsen. Wann sind Sie eigentlich aus dem Ybbstal weggegangen?

Als ich mit 19 Jahren Landesjugendsekretär des NÖ Gewerkschaftsbunds geworden bin, war es notwendig, in den Süden von NÖ zu ziehen, da die Büros in Wien waren. Aber die Verbindung mit Böhlerwerk und dem Ybbstal habe ich bis heute nicht aufgegeben. Ich bin aber damals, sofern die Zeit es erlaubt hat, immer wieder am Wochenende zurückgekommen. Ich habe ja auch in der Folge in Böhlerwerk unter anderem die Jugendinitiative gegründet. Da haben wir viele spannende Veranstaltungen im damaligen Magnetsaal organisiert.

Was war ein Highlight daraus?

Ein Highlight war sicher die Aktion bei der Markterhebung der Gemeinde Sonntagberg im Jahr 1988. Wir haben damals als Attraktion für die Leute einen Hubschrauber aus Mondsee einfliegen lassen. Das war natürlich eine große Herausforderung, weil in der Früh das Wetter schlecht war. Also bin ich mit meinem Vater auf den Sonntagberg hinaufgefahren. Es regnete und nördlich der Donau zuckten Blitze. Aber mein Vater sagte: „Wenn du vom Sonntagberg aus die Rauchsäulen der Voest in Linz siehst, wird das Wetter schön.“ Diese sah man. Also fuhren wir zurück ins Tal und bestellten den Hubschrauber auf Risiko. Tatsächlich klärte das Wetter auf. Wäre das schiefgegangen und es hätte weiter geregnet, hätten wir nicht gewusst, wie wir den Hubschrauber bezahlen hätten können. Schließlich haben dann über 200 Leute an Rundflügen teilgenommen und wir waren gerettet. Auch die Veranstaltungsreihe „Tanz in den Herbst“ haben wir erfunden, die ein großer Erfolg wurde.

Wie war Ihr Weg vom Lehrling zum Präsidenten?

Nach meiner Betriebselektrikerlehre in den Böhler Ybbstalwerken bin ich ja als ÖGB-Jugendsekretär und Zentraljugendsekretär in den Süden von Wien gezogen, habe in Zillingdorf eine Familie gegründet und freue mich über drei Töchter und vier Enkelkinder. Nun lebe ich mit meiner Familie schon seit 20 Jahren in Bad Vöslau. 2013 wurde ich zum AK-Präsidenten gewählt, was mich beruflich mit der Errichtung der Arbeiterkammer in St. Pölten in die Landeshauptstadt brachte.

Arbeitsminister Martin Kocher (l.)überreichte Präsident Markus Wieser das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, verliehen vom Bundespräsidenten. © Georges Schneider

Was verbindet Sie heute noch mit dem Ybbstal?

Der Sonntagberg ist eine Art Lebensanker geblieben. Das Gefühl von Daheimsein verbinde ich nach wie vor mit dem Blick auf den Sonntagberg. Wenn ich etwa auf der Autobahn von St. Pölten nach Westen fahre, begleitet mich die Sicht auf den Sonntagberg eine halbe Stunde lang. Da kommt das Gefühl auf: Hier sind deine Wurzeln! Aber auch zum Stockschießen komme ich gerne ins Ybbstal zurück. Wir haben da eine feine Runde. Wenn ich herkomme, dann bleibe ich erst einmal – wie früher – beim Fleischer Freudenschuß auf eine Leberkässemmel stehen. Dann besuche ich meine Schwester und meine Mutter, treffe Freunde, gehe zum Mos­hammer oder in Waidhofen auf einen Kaffee. Das bleibt vertraut. Nach fünf Minuten ist es so, als ob ich nie weggezogen wäre.

Sie sind begeisterter Stockschütze?

Ja, das ist ein Hobby, das mich nicht loslässt. Ich komme nur sehr selten dazu. In Böhlerwerk stöckl ich gerne und spiele bei Vereinsmeisterschaften und AK- und ÖGB-Betriebssportstockschießen und sonstigen Turnieren mit. Das macht Spaß!

Wenn Sie auf Ihre große Karriere zurückschauen, gibt es da einen besonders bewegenden Moment oder einen besonderen Erfolg, abgesehen von Ihren Ehrungen?

Also, ich war immer für Jugend. Man sagt, wer die Jugend auf seiner Seite hat, hat die Zukunft auf seiner Seite. Für mich war stets klar, dass es das Wichtigste für jeden Verein, für jede Organisation ist, dass du in Jugendarbeit investierst. Ein Zweites ist, dass man das Gemeinsame pflegt. Da muss man manchmal auch etwas tun, was nicht gerade angesagt ist. Wir haben etwa während der Pandemie, wo kein Künstler ein Engagement hatte, wo Firmen in Konkurs gegangen sind, wo Leute keine Beschäftigung gehabt haben, in Reichenau an der Rax den Reichenauer Kultursommer ins Leben gerufen. Das hat sich inzwischen zu einem Mittelpunkt der Kulturszene in NÖ ausgewachsen. Gleichzeitig haben wir die Marke „AK Young“ entwickelt und in NÖ etabliert, mit der man junge Leute in Form von Aktivitäten, in Freizeitaktivitäten, Bildung und Schulung betreut. Eine der größten Veranstaltungen findet diesbezüglich immer am Ratzersdorfer See statt, wo mittlerweile 6.000 Leute zusammenkommen. Es hat sich gelohnt, dass wir uns etwas getraut haben.

An der Wand Ihres Büros hängt der Satz: „Mehr Mut für Neues statt Mut zur Mutlosigkeit.“ Ist es das, was Sie meinen?

Genau. Wer Mut für Neues statt nur zur Mutlosigkeit hat, ist den halben Weg schon gegangen. Man muss den Mut haben, etwas umzusetzen, durchzusetzen und nicht herumzulavieren, sondern Entscheidungen zu treffen. Das gilt auch für die Lehrlingsaktion „Let‘s Walz!“, ein internationaler Lehrlingsaustausch, einzigartig in Österreich, die wir gemeinsam mit der Wirtschaftskammer NÖ durchführen. Mittlerweile nehmen jährlich 140 Lehrlinge daran teil, die wir vier Wochen in Länder der Europäischen Union in Betriebe schicken, um Erfahrungen zu sammeln.

Was würden Sie heute in Zeiten der KI, der wirtschaftlichen Umbrüche und der multiplen Krisen der Jugend raten?

Es ist wichtig, in allen Schultypen die Berufsorientierung zu etablieren. Was ich jedem jungen Menschen sage, ist: „Wenn du einen Beruf erlernst, dann hast du mit 19 Jahren ein Ticket in der Hand, einen Lehrabschluss. Dieses Ticket garantiert dir, dass du nie weniger bezahlt kriegen kannst, als das, was der Kollektivvertrag für deinen Beruf dir garantiert! Das Ticket begleitet dich durch dein ganzes Leben lang. Was immer passiert, welchen Weg immer du einschlägst, in deinen erlernten Beruf kannst du immer zurückkommen.“ Heutzutage werden Handwerker gesucht. Die künstliche Intelligenz wird viel verändern. Aber den tropfenden Wasserhahn, die ausgefallene Stromleitung, die kaputte Fliese im Bad, die defekte Dachrinne wird die KI nie reparieren.

Sie haben drei bedeutende Ehrungen bekommen.

Es hat mich sehr überrascht, gleich das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich vom Bundespräsidenten verliehen zu bekommen. Sehr gefreut hat mich die Dr.-August-Reuss-Medaille, mit der ich als einziger Nicht-Mediziner ausgezeichnet wurde. Weiters die Viktor-Adler-Plakette.

Die Reuss-Medaille haben Sie für Ihr Engagement in der Kinder-Rehabilitation bekommen …

Eine meiner Töchter war von Leukämie betroffen. Da habe ich feststellen müssen, dass es für Kinder überhaupt keine Rehabilitation in solchen Fällen gibt. Ich habe den Förderverein für Kinder- und Jugendrehabilitation ins Leben gerufen, der Rehabilitation für Kinder möglich macht. (Anm.: www.foerderverein-kinderreha.at) Diese Erfahrungen habe ich auch in einem Buch zusammengefasst.

Stocksport-Begeisterung spiegelt sich auch in Wiesers Büro wider. © Leo L.

Haben Sie einen Rat für die Politik?

Politikern rate ich, von Sonntagsreden Abstand zu nehmen. Wer sich ehrlich für die Menschen interessiert, das Gespräch sucht, sich deren Sorgen anhört, der kommt bei den Menschen auch an. Wenn wir alle ein bisschen mehr nachdenken und schauen, wie es dem Nachbarn geht und wie es unmittelbar in seiner nächs­ten Umgebung aussieht, wenn wir aufeinander ein bisschen aufpassen, dann hat man schon viel erreicht.

Wenn Sie heute noch einmal 15 wären, würden Sie den gleichen Weg wieder einschlagen?

Ja, ich würde es wieder genauso machen. Ich würde Betriebs­elektriker lernen. Alles, was ich in meiner Laufbahn erlebt habe, war nicht vorhersehbar. Das würde wohl wieder so sein.


WORDRAP

• Die berühmten Drei für die einsame Insel: Familie, Wassersportausrüstung und Stingl und Platten

• Wen ich gerne einmal treffen würde: Winnetou (lacht)

• Team Hund oder Katze: Team Mensch

• Ihre Lieblingsserie: alle Karl May Filme und alle Asterix Hefte

• Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber bis jetzt nicht getraut habe: Tandemsprung

• Meine „letzte“ Mahlzeit: eine Scheibtruhe voll Schwammerlsoße mit Schwammerln quer durch den Wald und selbst gepflückt und ein Lavoir voller Semmelknödel
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