Veröffentlicht am 8. November 2025

Interview mit Elfriede Schüsseleder

Von der Kunst, der Liebe und dem Tod – die Gedanken von Elfriede Schüsseleder zu den großen Lebensthemen

Elfriede Schüsseleder ist Schauspielerin aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus. Die Bühne dient der gebürtigen Waidhofnerin seit ihrer Ausbildung an der Schauspielschule Krauss unter der Leitung von Fritz Muliar als Parkett weiblicher Strahlkraft, intensiver Präsenz, großer Gefühle, aber auch leiser Töne. Ihr Repertoire umfasst große, nachwirkende Frauenrollen ebenso wie solche, die mit dem Fall des Vorhangs verschwinden.

Popularität spielt für die bald 74-Jährige – sie feiert am 9. November Geburtstag – dabei eine völlig untergeordnete Rolle, insbesondere die substanzlos kurzlebige, erscheint ihr wenig erstrebenswert. Das zentrale Lebensthema, ihr Antrieb, der Klebstoff, der alles zusammenhält, ist die Liebe. Aus dieser Liebe entstand „Das Reich meiner Mutter“, in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Mutter festhält. In dieser Liebe verabschiedete die Künstlerin erst kürzlich ihren unerwartet verstorbenen Bruder. Im Interview mit Redakteurin Karin Novak setzt sie sich mit den großen Themen und Fragen des Lebens auseinander.

Sie haben schon sehr früh Ihren Mann, Schauspielkollegen Peter Ertelt, verloren und erst kürzlich ist völlig überraschend Ihr Bruder verstorben. Wie geht eine sensible Künstlerseele mit derart schweren Verlusten um?

Ich glaube, Sensibilität ist nicht allein den Künstlern vorbehalten, es gibt sehr viele sensible Menschen. Was den Beruf des Künstlers vielleicht von anderen unterscheidet, man muss sich öfter mit dem Tod auseinandersetzen, weil er in der Literatur dauernd vorkommt, weil man auf Bühnen stirbt, weil man kluge Gedanken von großen Autoren zu dem Thema kennt. Das erleichtert es einem aber nicht, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wenn ein wichtiger Mensch gerade gestorben ist, sind die Gedanken sehr viel bei ihm. Wenn man an ihn denkt und weiß, dass er nicht mehr kommt, muss man immer wieder weinen. Hans war noch so voller Lebensenergie, Neugier, Wissensdurst, schmiedete noch Pläne. Ich wäre ihm noch so viel Schönes vergönnt gewesen.

Das Prosagedicht, das er bei seinem letzten Heimatbesuch geschrieben hat, bekundet seine Liebe zu Waidhofen. Wo wird seine letzte Ruhestätte sein?

Hans wurde in Mexiko, wo er die vergangenen 20 Jahre mit seiner Frau gelebt hat, kremiert. Ein Teil der Asche blieb dort und der andere Teil wurde in Schweden, wo seine Kinder aus erster Ehe leben, bestattet. Ob ein Teil auch nach Waidhofen kommt, wird noch gemeinschaftlich beratschlagt. Wir haben aber schon jetzt am Grab unserer Eltern einen kleinen Gedenkplatz für ihn errichtet. Wo seine Asche liegt, wäre gerade ihm nicht wichtig. 

Ist der Tod für Sie etwas Endgültiges?

Nein, er hat für mich nichts Endgültiges. Ich sehe im Tod einen Übergang, und zwar zurück in den Zustand, aus dem wir alle gekommen sind, wo wir wieder Geist sind, reines Bewusstsein, losgelöst von den irdischen Konditionierungen. Ich sage damit nicht, dass ich wahnsinnig fröhlich sein werde, wenn ich sterbe oder eben der Verlust von geliebten Menschen leichter zu verkraften ist, aber ich glaube, diese Sicht ist eine gute Erklärung für unser irdisches Dasein. Es gibt dazu einen schönen Ausspruch von Goethe: „Unser Geist wirkt fort von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ähnlich der Sonne für die irdischen Augen scheint sie unterzugehen, obwohl sie ewig fortleuchtet.“ 

Half Ihnen diese Sichtweise auch bei der Bewältigung des frühen Todes Ihres Mannes?

Mich hat damals mein Sohn gerettet, er war erst viereinhalb Jahre und ich musste für ihn da sein. Da war natürlich eine ganz große Trauer, Peter war ja nicht nur mein Ehemann, er war auch beruflich für mich unglaublich wichtig. Das Allerwichtigste war, dass unser Sohn die Krankheit und den frühen Tod seines Vaters halbwegs unbeschadet übersteht. Ich hoffe, das ist gelungen. Eines lehrt einen der Tod eines geliebten Menschen im Besonderen: Man lernt, genau abzuwägen, wo die Prioritäten im eigenen Leben liegen. Man lernt das Nein-Sagen immer besser. 

Haben Sie beide dem Sohn die Schauspielerei in die Wiege gelegt?

Er hat zwar schon als kleines Kind den Sprachwitz Nestroys verstanden und geliebt, aber in unsere Fußstapfen ist er nicht getreten, er ist Musiker.

Ihre Wiege stand im beschaulichen Waidhofen. Wie nahmen die Eltern Ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden, auf?

Mein Hang zur Bühne kristallisierte sich sehr früh heraus. Ich trat schon als Dreijährige mit meinen Schwestern im Altersheim oder vor den Stadtherren auf. Wir haben gesungen, Gedichte rezitiert, Krippenspiele aufgeführt. Ein Ballettmeister aus Linz gab einmal in der Woche Ballettunterricht. Da durfte ich hin. Meine Mutter ließ aber nicht zu, dass er mich ans Linzer Theater in seine Eleven-Gruppe mitnahm. Vielleicht hatten die Eltern mehr Verständnis für unsere Begabungen – meine große Schwester hatte die Schauspielausbildung ja bald hinter sich –, weil beide selbst sehr musisch waren. Als Schneidermeister konnte mein Vater seine künstlerische Ader halt nicht wirklich ausleben. Meine Mutter hat gesagt, wenn du auf die Schauspielschule möchtest, musst du nebenbei etwas Vernünftiges lernen. Also bin ich mit knapp 18 Jahren nach Wien gegangen, habe zahnärztliche Assistentin gelernt und bin abends in die Schauspielschule. Der Zahnarzt hat mir nach meinem Abschluss versichert, jederzeit einen Platz für mich zu haben, sollte es mit der Schauspielerei nichts werden. (lacht). Was zu meinem großen Glück nicht notwendig war. Schon vor dem Abschluss hatte ich mein erstes Engagement und ab da ging es nahtlos weiter, immer in der Geborgenheit eines Ensembles, seit 2004 an der Josefstadt, wo ich wieder auf Fritz Muliar getroffen bin und unter seiner Regie gespielt habe. Das Privileg fortlaufender Engagements hatten viele andere begabte Künstlerinnen und Künstler nicht. Für dieses große Geschenk bin ich sehr dankbar. 

Fernsehen und Film verhelfen zu größerer Popularität als die klassische Theaterbühne. Haben Sie die nie angestrebt?

Es ist vollkommen richtig, Popularität erlangt man in erster Linie über das Fernsehen. Die Frage ist halt, welches Verständnis man von dem Beruf hat. Mir ist es nie vordergründig um Popularität gegangen, mein Antrieb war immer, auf der Bühne einen Menschen zu erzählen. Am Burgtheater spielen viele tolle Leute, aber sie drehen wenig, darum kennt man sie kaum. Während andere, die eine Serie nach der anderen drehen, die bekanntesten Gesichter Österreichs sind. Würde man die auf eine Bühne stellen, kämen sie oft nicht einmal über die Rampe in den Zuschauerraum.  Man braucht völlig andere Dinge zum Drehen als für die Bühne. Nicht missverstehen, ich liebe das Drehen sehr, weil man ganz klein spielen und bei sich sein darf, die Bühne hingegen braucht Kraft, braucht die Möglichkeit einer Stimme, die auch wirklich gehört wird. Das ist etwas völlig anderes, fast wie zwei Berufe. Ich habe elf Jahre an der Schauspielschule Krauss unterrichtet und den Schülern immer gesagt: Der Beruf Schauspieler beginnt am Theater, alles andere kommt danach.

Es heißt: „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“ Wenn man sich die heutige Fernsehlandschaft anschaut, hat vieles weder mit Kunst noch ihrer Freiheit zu tun. Woran krankt es?

Ich denke, unsere Zeit ist auf eine gewisse Weise sehr oberflächlich. Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern heutzutage ist sehr kurz, im Gedächtnis bleibt nur, was ins Auge knallt. Es geht um Optik, seltener um Inhalte. Als ich jung war, gab es noch beides. Ich erinnere mich an Literaturverfilmungen etwa von Stefan Zweig oder Leo Tolstoi, in denen große Schauspieler mitwirkten. Ähnlich einem Bühnenerlebnis eben zu Hause auf dem Sofa. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder dorthin kommen. In unserer Zeit können TV-Karrieren sehr schnell gehen, verschwinden aber oft genauso schnell in der Versenkung. Über beides entscheidet das Publikum. 

Was waren Ihre bisher größten Herausforderungen auf der Bühne? Oder anders gefragt: Nimmt man sich von der Bühne etwas mit ins eigene Leben?

Am meisten gefordert haben mich mit Sicherheit die Frauenrollen der Klassiker, etwa Alkmene oder Maria Stuart. Komplizierte Gedankengänge eingebettet in eine wunderbare poetische Sprache, die es aufzudröseln gilt, damit Sprache und Inhalt verständlich werden. An solchen Rollen wächst man unheimlich. Aber auch die komplexen Bühnenfiguren von Tschechow, Ibsen oder Schnitzler prägen einen, diese Autoren stellen wirkliche Menschen voller Leben auf die Bühne. Und ja, natürlich nimmt man sich etwas mit ins eigene Leben. Es sind schon viele kluge Gedanken, große Gefühle, die man nachvollziehen darf, die man durchlebt. Das empfinde ich als Geschenk. Mein Mann und ich durften viel gemeinsam spielen, Paare aus der Weltliteratur verkörpern. Zu Hause habe ich mich nach Vorstellungen manchmal gefragt, wo kommt denn die eigenartige Stimmung zwischen uns her. Bis ich gemerkt habe, hoppala, die bringen wir von der Bühne mit nach Hause, das war nicht immer nur gut. 

Woran arbeiten Sie aktuell?

Ende des Sommers habe ich „Rex“ gedreht, der im Frühling ausgestrahlt wird. Außerdem habe ich den Dreh für einen neuen ORF-Film „Herzklang – Zurück zu mir“ mit Schlagersängerin Melissa Naschenweng hinter mir. Ich kannte sie vor dem Filmdreh nicht und spiele darin ihre Großmutter. Sie hat sich bei diesen Dreharbeiten als wirklich begabt erwiesen und ist zudem ein sehr geerdeter, liebenswerter Mensch. Im Frühling 2026 soll der Film im Fernsehen gezeigt werden. Ein zweiter Teil ist schon in Planung. Bereits am 14. Dezember wird der „Tatort“, den ich im Vorjahr gedreht habe, im ORF ausgestrahlt. Außerdem schreibe ich an meinem neuen Buch und hoffe, dass der Verlag es wieder haben möchte. Es sind diesmal Kurzgeschichten. 

Ihr im Vorjahr erschienenes Buch „Das Reich meiner Mutter“ ist eine Hommage an Ihre Mutter, deren Leben geprägt war von Krankheit, harter Arbeit und Kümmernis. Dennoch war sie der Fels der Familie. Wie schaffte sie es, den Härten des Lebens zu trotzen?

Mutti hatte ein Urvertrauen, das sie aus ihrem Glauben schöpfte. Dieses Urvertrauen – besonders in die Gottesmutter – hat es ihr ermöglicht, ihr schweres Leben so bravourös zu leben. Und sie hatte Humor. Obwohl wir von unserer Mutter katholisch erzogen wurden, bin ich der Meinung, der Mensch braucht keine Kirche, keine Moschee, keine Synagoge zum Beten. Vielmehr kann er den göttlichen Kern in sich spüren, sich vertrauensvoll von ihm führen lassen, sobald er erkennt, dass nur die Liebe unser gemeinsamer Nenner ist. Der Quantenphysiker Professor Hans Dürr hat über die kleinsten Teilchen, an denen er geforscht hat und die das Universum zusammenhalten, gesagt: „Wenn ich sie beschreiben müsste, dann könnte ich nur sagen, es ist Liebe.“ Und dann streiten sich die Religionen noch immer darum, wer den richtigeren Gott hat. Dabei wäre es so einfach.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

Wordrap

  • Mein Wunschberuf als Kind: Zirkusakrobatin, Balletttänzerin, Ärztin, Schauspielerin 
  • Die berühmten Drei für die einsame Insel: „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig, „Der Idiot“ von Fjodor M. Dostojewski und „Hamlet“ von William Shakespeare 
  • Mein Sehnsuchtsort: das Meer
  • Wen ich gerne einmal treffen würde: C. G. Jung
  • Team Hund oder Katze: Hund
  • Serientipp für ein verregnetes Wochenende: Sopranos
  • Mein letzter Konzertbesuch: zu lange her
  • Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber bis jetzt nicht getraut habe: Ich habe mich einiges getraut.
  • Meine „letzte“ Mahlzeit: Erdäpfelpüree
Veröffentlicht am 8. November 2025

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