Vom „U-Booterl“ zum „Stadtreimer“: Fred Eichleter veröffentlicht sein zweites Lyrikbuch

Er ist eine Institution im Ybbstal und doch war seine Identität lange Zeit streng geheim: Fred Eichleter veröffentlichte als „U-Booterl“ im damaligen „Boten von der Ybbs“ sechs Jahre lang Kritisches wie Ironisches rund um Waidhofen und das Ybbstal. Trotz manch intensiver Bemühungen, ihn auffliegen zu lassen, glückte die Geheimhaltung erstaunlicherweise bis 1999
Als es schließlich gelang, legte er als demaskierter Marketing-Leiter der Raiffeisenbank Waidhofen bis zur Pensionierung die spitze Feder und mit ihr die eine oder andere Provokation zur Seite. Heute kennt und schätzt man den Schlaraffen vom Reich Ferrochalybbsia als „Stadtreimer“ für den „Ybbstaler“. Nach seinem Erstlingsband „Aufgetaucht … und abgesoffen“ aus dem Jahr 2007, seinem Jahr der Pensionierung, bringt der 76-Jährige am 25. November sein zweites Buch „Gedankenflüge“ heraus. In ihm finden sich die gesammelten Werke aus „Freds Stadtreimerei“, aber auch bisher Unveröffentlichtes. Redakteurin Karin Novak hat sich mit dem Erfinder der „Schofkashanni“ (deren Identität seit der Pensionierung von Fritz Stummer wieder gut gehütetes Geheimnis des „Ybbstalers“ ist) über die Lust am Reim, die Tücken der Anonymität und die „Kleinbürgerseele von Waidhofen“ unterhalten.
Am 25. November darf man sich in Waidhofen im Café Hartner auf die Buchpräsentation von „Gedankenflüge“ freuen. Was war der Anlass, nach knapp 20 Jahren ein weiteres Buch zu veröffentlichen?
Ein großer Motivator war und ist Kurt Fuchsbauer, der Schwiegervater von „Ybbstaler“-Herausgeber Leo Lugmayr. Er drängt schon länger darauf, einen weiteren Band mit Gedichten aufzulegen, wollte sogar ein Crowdfunding dafür auf die Füße stellen. Als Rudi Spreitzer sich dann bereit erklärt hat, alles Organisatorische zu übernehmen, habe ich gesagt, gut, dann liefere ich die Reime. Rudi ist der große Mann im Hintergrund, der sich von der Auswahl der Druckerei bis hin zu Sponsorgeldern um alles gekümmert hat. Es ist ihm zu verdanken, dass meine Reime im Eigenverlag unter dem Titel „Gedankenflüge“ erscheinen können. Den „Ybbstaler“-Lesern wird der eine oder andere Reim bekannt sein, weil ich ja wöchentlich das Geschehen in und um Waidhofen in Reimform kommentiere, es ist aber manches noch nicht Veröffentlichte dabei. Das Cover hat freundlicherweise – wie schon beim Erstlingswerk – Herbert Petermandl gestaltet. Sie alle werden bei der Lesung im Stadtcafé Hartner natürlich auch dabei sein.
In den 90er-Jahren waren Sie als „U-Booterl“ das kritische Sprachrohr der Stadt. Sechs Jahre lang kommentierten Sie anonym das Geschehen. Was ist Ihnen aus dieser Zeit im Besonderen in Erinnerung?
Just zu der Zeit bin ich den Schlaraffen beigetreten, einem weltweiten deutschsprachigen Männerbund zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Deren Oberschlaraffe war in Waidhofen damals Bürgermeister Erich Vetter. Was die Geheimhaltung durchaus erschwerte und immer wieder einem Tanz auf dem Vulkan glich. Schließlich war Herr Vetter beliebte Zielscheibe meiner Reimereien, weil er in seinem politischen Gebaren, wie ich finde, seinem Namen alle Ehre gemacht und mich zum einen oder anderen spitzen Kommentar verleitet hat. Dann saßen wir wieder zusammen und es wurde gerätselt, wer denn nun hinter dem „U-Booterl“ stecken könnte. Der Bürgermeister schrieb manchmal Gegengedichte im „Boten von der Ybbs“, um mich herauszufordern. In einem mutmaßte er, das „U-Booterl“ könne unmöglich ein Mann sein, es müsse ein Weib dahinterstecken. (lacht)
Hatten Sie nach der Demaskierung mit Repressalien zu kämpfen? Wie kam es überhaupt dazu?
Eine Mitarbeiterin des „Boten“ hat es unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitererzählt. Da war die Katze aus dem Sack. In vorauseilendem Gehorsam legte mir daraufhin mein Chef nahe, mich vom „U-Booterl“ zu verabschieden, andernfalls müssten wir uns trennen. Ab da habe ich meine Kreativität bei den Schlaraffen eingebracht.
Ist ein reiner Männerverein noch zeitgemäß?
Es ist tatsächlich nicht einfach, Nachwuchs für unseren Kreativverein zu gewinnen. Uns gibt es weltweit als deutschsprachige Vereinigung, sprich die Schlaraffen in Paris sprechen ebenso Deutsch wie etwa in Südafrika. Mittlerweile ist eher die Sprache die Barriere, denn die Frauen. Unsere Frauen werden sehr hofiert. Würden sie nicht mitspielen, könnten wir uns nicht wöchentlich treffen.
Gibt es Zeiten, in denen Ihre Kreativität im Besonderen aufblüht? Oder anders gefragt: Haben Sie feste Zeiten, zu denen Sie schreiben?
Nein, nicht wirklich. Ich brauche auch keine eigene Stimmung dafür, keinen Kaffee, keine Zigaretten, nur etwas Ruhe. Das Schreiben hat für mich mehrere wertvolle Aspekte. Zum einen muss ich am Ball bleiben, sprich ich lese jeden Tag drei Zeitungen, um auf dem Laufenden zu sein, zum anderen ist es ein guter Zeitvertreib, ich entspanne derart dabei, dass ich die Zeit völlig vergesse. Und nicht zuletzt, mit dem Schreiben hinterlässt man etwas, etwas das bleibt, wenn es einen selbst schon lange nicht mehr gibt. Ich finde das einen schönen Gedanken.
Buchpräsentation „Gedankenflüge“
Dienstag, 25. November, Stadtcafé Hartner
Beginn: 19.00 Uhr, Eintritt: frei
Haben Sie lyrische Vorbilder? Gibt es Humoristen, die Sie besonders verehren?
Einer, den ich besonders schätze und der lange Zeit verkannt wurde, ist Wilhelm Busch. Und auch Erich Kästner kann ich sehr viel abgewinnen. Das heißt nicht, dass ich mich im Geringsten mit einem der beiden vergleiche oder gar messe, aber eine Gemeinsamkeit liegt vielleicht darin, dass ich versuche, mit schwarzem Humor und Satire den Daumen auf die Wunden unserer Zeit zu legen, die schwachen Punkte zu finden, ein bisschen in der Kleinbürgerseele Waidhofens zu stochern. Das passiert oft während des Schreibens. Oft weiß ich das Ende noch nicht, wenn ich beginne, dann lass ich mich von den Worten treiben, hinführen zur Pointe, und notfalls wird ein geeignetes Wort erfunden.
Ihr Œuvre erstreckt sich weit über den „Ybbstaler“ und zwei Gedichtbände hinaus …
Wenn die Volksbühne Waidhofen Nestroy-Stücke spielte, habe ich die Couplets dafür aktualisiert, mit Rudi Spreitzer schrieb ich 2001 ein Staatskabarett, das sogar in der Orangerie in Wien aufgeführt wurde, einige Jahre habe ich Gedichte für den Blog von Karl Piaty verfasst, mit ihm auch mehrere kleine Fotobücher mit Gedichten vom Amtmann bis zum Kerzenweiberl herausgebracht. Für Anton Steingruber, der ein Marienlied komponiert hat, schrieb ich den Text, für die Gaflenzer Vagabunden Schlagertexte. Und auf Wunsch von Bürgermeister Werner Krammer schrieb ich für den Waidhofner Marsch, komponiert von
Hermann Maderthaner, ebenfalls einen Text. Man kann sagen, ich war vielfach umtriebig. (lacht)
Gibt es im Zusammenhang mit Ihrem Schreiben ein besonderes Highlight?
Dazu zählt auf jeden Fall die gemeinsame Lesung mit Elfriede Schüsseleder im heurigen Herbst, die im Rahmen des Viertelfestivals im Großen Sitzungssaal stattgefunden hat. Ich durfte meine humoristischen Texte vortragen, Frau Schüsseleder las aus ihrem Werk, in dem sie das oft schwere Leben ihrer Mutter würdigte. Das Schicksal war mir vergönnt, an diesem Abend auch noch den Bruder dieser großartigen Schauspielerin kennenzulernen. Er ist leider
kürzlich unerwartet verstorben. Diese Begegnung und die Lesung davor waren mir eine große Freude und sicherlich eines meiner Highlights.
Vielen Dank für das Gespräch!
Wordrap
- Mein Wunschberuf als Kind: Lehrer
- Die berühmten Drei für die einsame Insel: meine Familie, Schreibzeug, historische Krimis
- Mein Sehnsuchtsort: Kalabrien
- Wen ich gerne einmal treffen würde: Wilhelm Busch und Erich Kästner
- Team Hund oder Katze: Hund
- Serientipp für ein verregnetes Wochenende: Wednesday und In aller Freundschaft
- Mein letzter Konzertbesuch: Konzert der Windhager im Konviktgarten
- Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber bis jetzt nicht getraut habe: Einrad mit meiner Enkeltochter zu fahren
- Meine „letzte“ Mahlzeit: Gselchtes, Grießknödel und Sauerkraut, gekocht von meiner Frau
GEDANKENFLÜGE
„di-VERSE-s“
Mit einem nagelneuen Buch
start‘ ich nun wieder den Versuch
manch‘ Reime, die einst gutgeheißen,
den „Zeitenzähnen“ zu entreißen.
„Gedankenflüge“ wurd’s getauft,
ich hoffe, dass es jener kauft,
im Land, im Tal und in der Stadt,
der gerne „spitze Federn“ hat.
Auch viele and’re neue Texte,
die ich im Lauf der Jahre kleckste,
haben im Buch drinn‘ Platz gefunden.
Ich wünsch‘ damit entspannte Stunden.
Ich sag‘ es hier ganz unumwunden:
… „Der Inhalt ist komplett erfunden
und Ähnlichkeiten aus dem Leben
wird es in diesem Buch nicht geben!
„Gedankenflüge“ sind erlaubt
und wer nicht ans „Erfinden“ glaubt,
ist selber schuld, er oder sie,
hat scheinbar wenig Fantasie.

