Veröffentlicht am 13. September 2025

Interview mit Jakob Marian Kern

Was die Liebe zu Japan mit dem Mond zu tun hat

Jakob Marian Kern zVg

Jakob Marian Kern interessierte sich schon früh für alles, was in Bewegung ist. Der gebürtige Waidhofner hätte daher genauso gut Busfahrer oder U-Bahn-Triebfahrzeugführer werden können, der 25-Jährige entschied sich nach der Matura am Gymnasium aber für das Studium Luftfahrt in Graz und anschließend ein Master-Studium Aerospace Engineering an der Tohoku Universität in Japan. Dort war er auch Teil eines Teams, das einen Mondrover der neuen Generation entwickelte. Was diesen Mondrover so revolutionär macht, wie er die Liebe zu Japan entdeckte und dort sogar gefunden hat, erzählt der sympathische, junge Techniker nach seinem kurzen Heimaturlaub Redakteurin Karin Novak.

Woher rührt Ihre Faszination für das Land der aufgehenden Sonne?
Es gibt nicht den einen Grund. Es ist die Summe an vielen Kleinigkeiten. Schon zu Beginn der Oberstufe habe ich mich für japanische Serien, Filme und Bücher, die sogenannten Mangas, interessiert und sie gesammelt. Richtig gepackt haben mich Land und Leute, als meine Eltern mir vor der Matura eine Reise dorthin schenkten. Danach war ich vom Leben dort, das so anders ist als hier in Europa, völlig fasziniert.

Wie lange sind Sie schon in Japan und wie haben Sie den Weg dorthin gefunden?
Ich bin seit fast drei Jahren da und schließe im September meinen Master ab. Nach meinem Bachelor-Studium an der FH Joanneum in Graz habe ich mich informiert und von einem Stipendium des japanischen Bildungsministeriums für ausländische Studenten erfahren. Ich hielt es anfangs nicht für wahrscheinlich, angenommen zu werden, und habe mich aber trotzdem entschlossen, mich bei der japanischen Botschaft zu bewerben. Darauf folgten mehrere Interviews und schriftliche Aufgaben und zum Abschluss auch noch ein Test. Und man hat mich genommen, für mich eine große Freude.

Was ist das Besondere an Ihrem Mondrover-Projekt?
Ich komme ursprünglich aus dem Bereich Luftfahrt, die Raumfahrt war nicht unbedingt meine erste Wahl, aber das Labor in Japan hat sich mit seinem englischsprachigen Umfeld dafür angeboten, weswegen ich entschied, von der Luftfahrt in die Raumfahrt zu wechseln, zumindest einmal zwischenzeitlich. Unser Labor an der Universität beschäftigt sich vor allem mit der Erforschung des Mondes, also der Lunar Exploration. Die Rover sollen sowohl geografisch als auch hinsichtlich des Bodenmaterials den Mond erforschen und so eventuell irgendwann den Bau von Mond-Basen ermöglichen, damit Menschen dort längere Zeit verbringen können. Mondrover bewegen sich für gewöhnlich sehr langsam, im Bereich von wenigen Zentimetern pro Sekunde. Meine Aufgabe lag in der Simulation dieses Rovers, und im Speziellen in der Verbesserung der realistischen Fortbewegung auf dem Monduntergrund. Ich habe
Tests unter anderem bei der japanischen Weltraumbehörde JAXA durchgeführt und die Daten verwendet, um den Realismus der Simulation zu verbessern. Unser Rover schafft nun über einen Meter pro Sekunde. Das klingt auf den ersten Blick noch immer langsam, ist aber für einen Mondrover sehr schnell.

Auch wenn auf der Uni die Sprache Englisch ist, wie sieht es in Ihrem Alltag aus? Sprechen Sie nach drei Jahren auch ein wenig Japanisch?
Es gibt im Japanischen drei Alphabete, die für unterschiedliche Sachen verwendet werden, was die Sprache ziemlich schwierig macht. Ich bin noch nicht perfekt, aber um sich im Alltag zu unterhalten, reicht es, ich verstehe vieles, auch beim Lesen. Bei Fachthemen oder schwierigeren Wörtern fehlt mir noch das Vokabular. Aber durch meine Verlobte, mit der ich täglich Japanisch spreche, ist es recht schnell besser geworden.

Wird es eine traditionelle japanische Hochzeit geben?
Die offizielle Hochzeit, was bei uns am Standesamt stattfindet, läuft ein wenig anders ab. Man unterschreibt im Rathaus einfach einen Zettel. Das war’s dann schon von offizieller Seite. Danach gibt es zwei Arten der Feiern. Wir haben uns für die westlich angelehnte entschieden, weil die traditionelle eine eigene Zeremonie und Kleidung, eigenes Essen und strenge Riten vorsieht, was die Zusammenführung beider Familien vermutlich erschwert hätte.
Wir wollen eine lockere Atmosphäre zum Kennenlernen schaffen.

Wie funktioniert Familie auf Japanisch?
Schon etwas anders als in Europa, etwas distanzierter, weniger herzlich. Meine Verlobte stammt aus Kobe und wohnt seit etwa zweieinhalb Jahren bei mir in Sendai. In Japan erschweren die Arbeitsbedingungen gegenseitige Besuche. Es gibt hier nur sehr wenige freie Tage und an diesen sind dann Flüge und Hotels übertrieben teuer und trotzdem ausgebucht, weil eben alle gleichzeitig frei haben.

Japan ist für seine disziplinierte Arbeitsmoral bekannt. Stimmt das oder ist das ein Klischee?
Das stimmt durchaus. Offiziell gilt die Fünf-Tage-Woche bei 40 Stunden. Als ich unlängst mit meinem Friseur gesprochen habe, hat er mir erzählt, dass er ungefähr 70 Stunden pro Woche arbeitet. Hinzu kommt, dass viele Firmen zwar bis zu 20 freie Tage anbieten, viele Arbeitnehmer von sich aus aber etwa nur die Hälfte in Anspruch nehmen, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollen, die Arbeit wäre ihnen nicht wichtig.

Wo sehen Sie den größten kulturellen Unterschied zu Europa?
Im Essen. Das unterscheidet sich völlig, es ist geschmacksmilder und besteht aus sehr viel Fisch, vor allem roh. Die Kaiseki-Küche, die Haute Cuisine Japans, ist darüber hinaus auch sehr teuer. Exzellent, aber teuer. Und auch das Kobe-Rind ist hier nur unwesentlich billiger als in Europa. Also auch nur etwas für besondere Anlässe. Ein weiterer gro­ßer Unterschied liegt im Persönlichen. Das wird ausgespart. Die Japaner sind ein sehr respektvolles Volk, lassen aber nicht so schnell jemanden nahe an sich heran. Ein bisschen privater wird es am Jahresende, wenn man sich zum Bonenkai trifft, was wörtlich übersetzt „Das-Jahr-vergessen-Treffen“ heißt. Neujahr ist generell eines der größten Feste in Japan.

Was vermissen Sie an Österreich­ am meisten?
Am meisten vermisse ich meine Familie, vor allem wenn irgendwelche Feiern sind und man nicht dabei sein kann, weil es die Distanz einfach nicht zulässt. Und natürlich auch die Freunde. Regelmäßig Kontakt zu halten, gestaltet sich schwierig. Gutes österreichisches Bauernbrot vermisse ich auch und am allermeisten vermisse ich im alltäglichen Leben ein Backrohr. Japanische Küchen haben zwar einen Herd, aber kein Backrohr, weshalb man viele Gerichte hier gar nicht kochen bzw. backen kann.

Wohnraum ist, wie man hört, eine äußerst beengte Angelegenheit in Japan. Stimmt das?
Ja, das stimmt. Meine erste Wohnung war eine Einraumwohnung mit der Küche praktisch am Gang. Sie hatte inklusive Balkon um die 15, 16 Quadratmeter. Mittlerweile lebe ich in einer Wohnung mit 34 Quadratmeter, das ist ausreichend für meine Verlobte und mich. Man ist angehalten, nur Gegenstände zu kaufen, die man wirklich braucht, und immer wieder auszumisten.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Für April 2026 habe ich bereits die informelle Zusage von All Nippon Airways, die formelle wird im Oktober folgen. Allerdings ist meine Verlobte sehr an Europa interessiert. Möglicherweise sind wir in zehn Jahren hier. Sie lernt auch schon fleißig Deutsch. Die Frage lässt sich daher aktuell nicht beantworten. Vielleicht sind wir noch in Japan, vielleicht aber auch zurück in Österreich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wordrap

  • Mein Wunschberuf als Kind: Pilot oder Busfahrer
  • Die berühmten Drei für die einsame Insel: Hubschrauber, haufenweise Treibstoff und Anleitung
  • Mein Sehnsuchtsort: Japan
  • Wen ich gerne einmal treffen würde/getroffen hätte: Christina Stürmer
  • Team Hund oder Katze: Hund
  • Serientipp für ein verregnetes Wochenende: The Man in the High Castle
  • Mein letzter Konzertbesuch: ist ewig her, Acres 2019 in Prag
  • Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber nicht getraut habe: Privatpilotenlizenz machen
  • Meine „letzte“ Mahlzeit: Wiener Schnitzel mit Petersilienkartoffeln und Preiselbeermarmelade
Veröffentlicht am 13. September 2025

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