Mit Kinga Tóth bezieht ein kreativer Wirbelwind das ImpulsQuartier

Im September wird die gebürtige Ungarin Kinga Tóth für ein halbes Jahr die Wohnung im ImpulsQuartier beziehen, um als zweite Stadtschreiberin die Kulturszene Waidhofens zu beleben. Die studierte Philologin und Kommunikationswissenschafterin weist eine breit gefächerte berufliche Laufbahn vor. So hat sie als Fleischfabrikarbeiterin, Museumswärterin, Sekretärin des Vizebürgermeisters, Pädagogin, Logistikerin, Liquid Gas Distributorin und Babysitterin gearbeitet.
Seit 15 Jahren ist Kinga Tóth als Journalistin und freischaffende – wie sie es selbst formuliert – Schriftstellerin-Künstlerin-Kuratorin-Performerin-Übersetzerin tätig. Aktuell recherchiert die 42-Jährige Nonnenkunst für ihr Doktoratsstudium. 2020 erhielt Kinga Tóth den Hugo Ball Förderpreis für ihr intermediales literarisches Werk in deutscher Sprache und wurde außerdem mit dem Bernard Heidsieck Prix (vom Centre Pompidou und der Foundation Bonotto) für ihr performatives literarisches Schaffen ausgezeichnet. In ihrem künstlerischen Schaffen arbeitet sie gerne spartenübergreifend. Ihre lyrischen Texte trägt sie häufig mit Soundunterstützung vor, einige ihrer Gedichtbände hat sie selbst illustriert und sie ist Songschreiberin und Frontfrau des „Tóth Kína Hegyfalu“-Projekts. Für die Musikprojekte „33 astral bodies“ und „Tuning Ballerina“ war sie auch als Sängerin und Texterin tätig. Auf dem im Frühjahr erschienenen Extreme-Metal-Album „Metallschädel“ des Rappers Schwartz ist sie ebenfalls zu hören. Im Rahmen des DaaD-Künstlerprogramms ist ihr zweites Soloalbum (Live Vocal Poesie) „Maria Machina“ bei Hinge Thunder Records erschienen und 2026 erscheint ihr nächstes Buch mit demselben Titel bei Matthes & Seitz. Für die Fragen von Redakteurin Karin Novak nahm sich der vielbeschäftigte, kreative Wirbelwind dennoch Zeit.
Kennen Sie die Stadt Waidhofen? Wenn ja, was gefällt Ihnen bei uns besonders? Wenn nein, was waren Ihre Beweggründe sich hier für den Artist of Residence zu bewerben?
Ich kenne Waidhofen nur aus dem Internet und aus den Erzählungen einer Freundin, die schon mal da war und die Oden über die Natur mir erzählt hat. Natur war nämlich das Schlüsselwort, warum ich mich beworben habe. Natur, Ruhe und Wasser sind sehr wichtig für mich – auch, dass es in Waidhofen eine Galerie gibt. Und ich habe die Hoffnung, dass diese Möglichkeiten mir freie Hand lassen für (auch) visuelle und Soundkreationen.
Was erwarten Sie von Ihrer Artist-in-Residence-Zeit in Waidhofen?
Ich freue mich auf Experimente, die Natur, Ruhe, Inspiration, auch darauf, Leute kennenzulernen, einfach auf eine schöne Zeit.
Sie waren 2018 Stadtschreiberin in Graz und 2021 Poet-in-Residence in München. Was haben Sie aus diesen Aufenthalten für sich persönlich mitgenommen?
In Graz war es eine supertolle Zeit! Obwohl ich Stadtschreiberin war, habe ich markant viel Zeit im Forum Stadtpark verbracht, Musik gespielt und viel an Performances gearbeitet, zum Beispiel ein Storytelling mit beziehungsweise in einer Badewanne. Dann habe ich auch noch den Sissi-Film in einer Fake-Radiosendung mit Loops vertont, aber ebenso ein Buch geschrieben, Grafiken geschaffen … In München habe ich intensiv an Mondgesichter und MariaMachina gearbeitet – sowohl visuell als auch mit Sound und viel Zeit mit den anderen Künstlerinnen und Künstlern verbracht. Von beiden Aufenthalten habe ich noch Freundschaften und das wärmt mein Herz auf. Als Artist in Residence kann man manchmal richtig einsam sein, deswegen schätzt man diese Freundschaften umso mehr.
Sie sind geborene Ungarin, schreiben aber auch auf Deutsch und Englisch. In welcher Sprache fällt Ihnen das Verfassen von Lyrik am leichtesten? In welcher Sprache träumen Sie?
Ich schreibe und spreche auch – leider – auf Mischsprache, eine Sprache, die mir schon viel Sinn macht, aber nicht unbedingt für andere lesbar ist. Für eine Publikation mache ich normalerweise „reinere” Formate, aber mit der Zeit werde ich vielleicht immer frecher und bleibe dann einfach bei diesen Mischungen? Meine Träume kommen in Wellen, es kann passieren, dass ich mich monatelang an sie nicht erinnere, dann aber kanonenmäßig an viele und sehr intensiv. Und das in all diesen Sprache und sogar solchen, die ich gar nicht dekodieren kann.
Sie sind eine sehr vielseitige Künstlerin. Gibt es eine von Ihnen bevorzugte Kunstform?
Ich liebe es, alles miteinander zu vermischen. Mischformate, Brückenformate sind meine Lieblingsspielplätze.
Was dient Ihnen als Inspiration?
Stille.
Mit welchem Künstler, welcher Künstlerin würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten, egal ob auf der Bühne, in einer Galerie oder einem Ton-Studio?
Die Liste ist immens lang und wächst stetig. Laurie Anderson und Farin Urlaub habe ich schon erwähnt, Louise Bourgois – sie hatte vor noch gar nicht langer Zeit sogar eine Ausstellung im Belvedere in Wien – hätte ich auch gerne kennengelernt. Ach, es gibt so viele Namen, die Liste würde sehr viel mehr Zeit brauchen. Wahrscheinlich sollte man hier „Stars” erwähnen, aber am liebsten arbeite ich mit Menschen, die ich privat kenne und sehr schätze.
Die ungarische Regierung unter Viktor Orban ist wenig liberal, wie jüngst sein Verbot der Regenbogenparade belegt. Rechte Politik ist der Feind der modernen Kunst. Fühlen Sie sich in Ihrer Kunst beschnitten? Oder sehen Sie gerade in ihr die Möglichkeit des friedlichen Protests, des gewaltlosen Aufstands? Oder empfinden Sie Ihre Kunst gänzlich unpolitisch?
Es ist herzbrechend, wenn man sich in seiner Muttersprache fremd fühlt, wenn man sich in seinem Mutterland als ein Fremdelement empfindet. Viel herzbrechender als Alien-Sein im Ausland. Beide Fremdseins sind manchmal ziemlich hart und schon diese Aussagen sind politisch, nicht wahr? Ich würde sehr, sehr gerne über Ästhetik reden, tue es sogar, aber so lange wir in einer Gesellschaft leben, ist jede unserer Taten politisch. Ich bin nicht nur wegen der „Coolness” des Urlaubnomadkünstlerinseins nicht in Ungarn, sondern weil man da schon lange nicht mehr atmen kann. Vergangenen Monat hat es beim Steirischen Herbst und Theater am Lande in Graz eine Diskussion genau über die (kultur)politische Situation in Ungarn gegeben. Schockierend, dass wir (hoffentlich nicht!) über eine distopische Zukunftsmöglichkeit von Österreich erzählt haben. Let’s hope, dass es hier nicht so wird! (Auch) Kunst muss so frei bleiben, wie es möglich ist!
Worin sehen Sie die größten Mentalitätsunterschiede der beiden Nationen, die einst unter der Monarchie Österreich-Ungarn vereint waren?
Mir fielen heutzutage eher die Parallelen auf – aber bitte nicht missverstehen. Ungarn ist nicht gleichzusetzen mit der ungarischen Regierung! Parallelen sehe ich bei der Höflichkeit, die ist gleich. Und manchmal auch bei den alten Strukturen. In meinen Augen dürfte Österreich auch gerne ein bissi mehr feministisch sein, oder? Und: Österreich sollte mehr buntes Gemüse essen! Die Wörter, die mir wegen meiner Kindheit auch so wichtig sind: cvider, tixo, sparherd, teppik, Kürbiskernöl, rohen Humor – die sind auch ähnlich. Wir haben aber im Allgemeinen bissi mehr Paprika im Blut, mit all den Vor-und Nachteilen. Und Österreich lebt (noch) in einer Demokratie, was mich sehr freut, und was viel Hoffnung gibt, dass man in Ungarn ab und zu wieder nach Westen guckt und es nachmacht.
Wir danken für das herzerwärmende Gespräch!
Wordrap
- Mein Wunschberuf als Kind: überraschend, aber wahr Schriftstellerin, später Schauspielerin
- Die berühmten Drei für die einsame Insel: Es gibt schon alles da, oder?
- Mein Sehnsuchtsort: Nyőgér, mein Dorf, und Japan
- Wen ich gerne einmal treffen würde/getroffen hätte: so viele, aber dem Kindheitstraum loyal bleibend Farin Urlaub und Laurie Anderson (Anm. d. Red.: amerikanische Performance-Künstlerin)
- Team Hund oder Katze: Team „Alle Tiere!”
- Serientipp für ein verregnetes Wochenende: Psychothrillers und Comics
- Mein letzter Konzertbesuch: die Reihe von CONVERGENCE bei Kross Kollektive, Berlin… unglaublich tolle Performers!
- Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber nicht getraut habe: Ich versuche alles
- Meine „letzte“ Mahlzeit: Tomaten!



