Veröffentlicht am 9. August 2025

Interview mit Michaela Scharnreithner

„Mein persönliches Dolce Vita besteht darin, kleine Momente bewusst zu leben und wahrzunehmen“

Michaela Scharnreithner zVg

Michaela Scharnreithner lebt seit 20 Jahren in Italien. Die gebürtige Weyrerin hat im Land, wo die Zitronen blühen, studiert und auch ihre Liebe gefunden. Ein Töchterchen macht seit über einem Jahr das Familienglück perfekt. Auf der Suche nach bestimmten Wörtern in ihrer Muttersprache muss die Auktionatorin und Expertin für antike Gemälde mittlerweile sogar manchmal kurz überlegen, so sehr ist ihr das Italienische bereits ins Blut übergegangen. Im August kommt die 39-Jährige auf Heimatbesuch nach Weyer. Davor hat sie sich noch Zeit für die Fragen von Redakteurin Karin Novak genommen

Sie leben dort, wo Millionen Urlaub machen. Wann und warum sind Sie auf die Idee gekommen, nach Italien auszuwandern?
Von der Wanderlust gepackt und schon seit meiner Kindheit von Italien fasziniert, habe ich nach der Matura beschlossen, mich zur Olivenernte in die südliche Toskana zu begeben. Die dort entstandenen Eindrücke und Freundschaften, wie etwa mit einem betagten Florentiner Restaurator für Renaissancemöbel, in dessen Werkstatt ich später oft tätig war, haben mich dazu angeregt zu bleiben. Somit habe ich an der Universität von Florenz mein Studium der Kunstgeschichte absolviert und insgesamt fast 20 Jahre lang in der toskanischen Hauptstadt gelebt.

Florenz ist eine sehr beliebte Städtereise-Destination: Beeinträchtigen die vielen Touristen den eigenen Alltag?
Das idyllische Florenz, das ich noch kennenlernen durfte, mit Res­tauratoren, Handwerkern, Blumenhändlern und Greißlern existiert leider nicht mehr. Fast alle diese kleinen Werkstätten und Geschäfte wurden mit der Zeit in unauthentische gastronomische Betriebe umgewandelt, die Teil des kapitalistischen Systems des Massentourismus sind. Zeitgleich wurden immer mehr Wohnungen des Stadtzentrums in Unterkünfte für den Fremdenverkehr konvertiert, was zu einem extremen Preisanstieg der Mieten und generell zu einer erheblichen Verschlechterung der Lebensqualität für die dauerhaften Bewohner der Stadt geführt hat. Das Ergebnis sind ausgestorbene Stadtzentren und Altstädte, die nur noch als Kulissen für die Fotos der Touristen fungieren. Aus diesem Grund haben mein Mann und ich beschlossen, in eine vom Tourismus weniger tangierte Gegend in Meeresnähe zu ziehen, was uns nach Lecce in Apulien geführt hat.

Ihr Mann stammt aus Neapel. Wäre ein Umzug in seine Heimatstadt keine Option gewesen?
Neapel ist ein Traum, unheimlich facettenreich und im Gegensatz zu anderen italienischen Städten noch ziemlich authentisch. Die Neapolitaner sind besonders herzlich und zuvorkommend. Ich liebe den extremen Kontrast, den man dort findet. In ein und derselben Straße leben Menschen, die gar nichts haben, und Menschen, die viel haben. Die einen wohnen in Bassi, wo der Übergang von der Wohnung auf die Straße fließend ist, die Straße praktisch zum erweiterten Wohnzimmer wird und der Wäscheständer vor der Tür steht, die anderen wohnen darüber in eleganten Wohnungen, ohne dabei schnöselig zu sein. Es ist ein riesiger Schmelztiegel wo jeder sein darf, wie und wer er ist. Aber um dauerhaft in Neapel zu leben, ist die Stadt doch zu laut, zu chaotisch, zu hektisch. Wir wollten es ein bisschen beschaulicher.

Ist das Dolce Vita Urlaubern vorbehalten oder ist es auch Teil ihres Lebens geworden?
Mein persönliches Dolce Vita besteht darin, mir täglich Zeit zu nehmen, kleine Momente bewusst zu leben und wahrzunehmen. Das kann für mich der Geschmack einer reifen Tomate sein, eine leere Straße, auf der eine Nonne vorbeihuscht, gemeinsames Kochen und Essen mit meiner Familie, das Betrachten eines schönen Gemäldes oder das Scheppern der Espressotassen, die hastig auf die Kaffeemaschine einer Bar geschichtet werden, während ich den Gesprächen alter Leute über das Wetter zuhöre.

Wie sieht ein durchschnittlicher Tag bei Ihnen aus?
Mein Mann (Anm. d. Red.: Architekt) und ich arbeiten beide von zu Hause aus, was es uns ermöglicht, viel Zeit gemeinsam und mit unserer Tochter zu verbringen. So schaffen wir es zum Beispiel, frühmorgens einen Spaziergang zu machen, auf den Markt zu gehen, um frisches Obst und Gemüse zu besorgen, zu kochen und am späten Nachmittag gemeinsam auf den Spielplatz zu gehen. Manchmal geht sich sogar ein schneller Aperitif vor dem Abendessen und dem Bad aus. Jeder Tag stellt uns jedoch vor neue Herausforderungen und ist ein Balanceakt für uns zwischen der Arbeit und den sich stetig verändernden Bedürfnissen eines Babys. Deshalb sind wir manchmal ganz schön erschöpft, aber immer glücklich.

Sie sind Auktionatorin und Expertin für antike Gemälde. Was war das teuerste Gemälde, das unter ihren Hammer gekommen ist?
Die bisher von mir versteigerten Top Lots waren Werke von Giorgio De Chirico, Jan Pieter Brueghel und Salvador Dalí, die jeweils Hammerpreise um die 35.000 Euro erzielt haben.

Was sind die größten Herausforderungen im Land, wo die Zitronen blühen?
Ganz alleine auszuwandern, bringt gewisse Hürden mit sich: Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede oder Einsamkeit und ein Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben, ohne sich jeweils richtig zugehörig zu fühlen. Auch die klischeehafte, schier unendliche Bürokratie in Italien stets zu bewältigen, ist kein leichtes Unterfangen. Aber all diese kleinen Schwierigkeiten haben mich gelehrt, dem Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Ist es tatsächlich so, dass la Famiglia sehr dominant ist?
Die Intensität der Dominanz hängt natürlich von der jeweiligen Familie ab. In meinem Fall, als Frau eines Neapolitaners, kann ich bestätigen, dass die Familie gerne involviert ist. Jedoch muss ich zugeben, dass meine Schwiegereltern auch besonders entgegenkommend und hilfsbereit sind.

Was möchten Sie auf keinen Fall missen?
Auf die allgegenwärtige Präsenz und Vielfältigkeit an italienischen Kunstwerken und Kulturgütern würde ich nur ungern verzichten.

Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer alten Heimat vermissen?
Was mir aus Österreich fehlt – außer meiner Familie und einigen Freunden –, variiert und ist vor allem an Kindheitserinnerungen geknüpft: Maibaumaufstellen, ein Bad im eiskalten Bach, Ribisel aus dem Garten meiner Großmutter, Blasmusik, ein erfrischender Waldspaziergang, Marillenknödel, das Läuten von Kuhglocken, Marterl mit frisch gepflückten Blumen, Schnee im Winter, ein gutes Bauernbrot.

Worauf freuen Sie sich bei Ihrem Heimatbesuch am meis­ten?
Auf Erfrischung und gute Luft. Wir hatten bis vor Kurzem über 40 Grad in Apulien. Es würde mir also gar nichts ausmachen, wenn es regnen würde. Ich freue mich darauf, endlich wieder einmal mit einer Tuchent einzuschlafen.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

Wordrap

  • Mein Wunschberuf als Kind: Ärztin oder Kunstsammlerin
  • Die berühmten Drei für die einsame Insel: mein Mann, meine Tochter und ein Lastenfahrrad, auf dem wir zu dritt herumfahren können
  • Mein Sehnsuchtsort: unsere Welt, ohne durch den Menschen verursachte Umweltkrisen und Kriege
  • Wen ich gerne einmal treffen würde/getroffen hätte: Adriano Celentano
  • Team Hund oder Katze: Hund, zweifellos
  • Serientipp für ein verregnetes Wochenende: The Young Pope von Paolo Sorrentino
  • Mein letzter Konzertbesuch: Benjamin Clementine im Amphitheater von Fiesole
  • Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber nicht getraut habe: Eigentlich wage ich mich an das meiste heran
  • Meine „letzte“ Mahlzeit: Mein Lieblingsgericht ist die schlichte Pasta al Pomodoro meines Mannes, aber auch die Erdäpfel-Schupfnudeln meiner Mutter, zubereitet mit den von meinem Vater angebauten Kartoffeln, und die leidenschaftliche Kompetition, die zwischen meinen Eltern beim Formen der Nudeln entsteht
Veröffentlicht am 9. August 2025

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