Veröffentlicht am 4. Oktober 2025

Interview mit Pfarrer Johann Wurzer

„Gott ist die Gleichberechtigung. Darum muss auch die Rolle der Frau in der Kirche neu gedacht werden“

Pfarrer Johann Wurzer © NoKa

Pfarrer Johann Wurzer ist ein unkonventioneller Priester. Das mittlerweile ergraute Haar trägt der 1,95 Meter große Hüne schulterlang. Seine Stattlichkeit prädestiniert ihn für sein Hobby Fußball, dem er seit seiner Jugend nachgeht und das er aktuell als Torwart in der österreichischen Priesternationalmannschaft lebt. Aber nicht nur dafür schätzt man den 63-Jährigen. Der Spätberufene kennt auch das weltliche Leben und wird daher als Ratgeber für alle Lebenslagen ernst genommen. Mittlerweile kümmert sich der gebürtige Purgstaller seit fünf Jahren um das Seelenheil der Opponitzer. Davor war er 16 Jahre für das der Ybbser zuständig. Im Interview, das Redakteurin Karin Novak mit ihm im Pfarrhaus führen durfte, erzählt er vom Ruf zum Priestertum, wofür er den neuen Papst Leo XIV. im Besonderen schätzt, wem der liebe Gott die Daumen drückt und wie das Christentum mit der zunehmenden Islamisierung des Westens Bestand haben kann.

Ist Ihnen Opponitz nach einem halben Jahrzehnt mittlerweile Heimat geworden?
Auf jeden Fall. Das ging sogar sehr schnell. Es war eher ein bisschen wie heimkommen, weil ich zum ersten Mal schon vor 40 Jahren hier war. Ich bin gelernter Forstwirt und habe sieben Jahre als Verwalter in einem kleinen Forstgut in Opponitz gearbeitet, habe Holz geschlägert, Hochstände gebaut, Jagdgäste betreut, sogar Schnaps gebrannt.

Wird man in der Fischergemeinde unvermeidlich auch Fischer?
Ich besitze sogar gemeinsam mit einer Wienerin einen Teich bei Blindenmarkt, aber ich fische nicht, vielmehr streichel ich die Karpfen. (lacht)

Man darf Sie einen Spätberufenen nennen. Wie erfolgte der Ruf?
Ich war sieben Jahre allein im Wald. Ich denke, in der Stille wächst der Glaube, sofern man einen hat. Da entsteht eine Nähe zu unserem Herrgott und so bin ich seinem Ruf mit 28 Jahren schließlich gefolgt. Im Canisiusheim in Horn habe ich die Studienberechtigungsprüfung nachgeholt und bin 1990 ins Priesterseminar eingetreten. Die Priesterweihe in
St. Pölten erfolgte 1998.

Ist es nach einem weltlichen Leben schwierig, das Zölibat zu leben?
Ich habe sieben Jahre allein im Forst gelebt, war mit der Arbeit verwurzelt. Im Prinzip hab ich schon da zölibatär gelebt, es hat sich für mich somit nicht viel verändert. Das Schwierigste für mich bei meiner Entscheidung war vielmehr die Kündigung am Forstgut.

Was ist für Sie das Wertvollste an Ihrer Berufung?
Das Wertvollste ist für mich das unglaubliche Glück, jeden Tag in der Eucharistie Jesus zu begegnen. Das ist ein Glück, das man mit nichts auf der Welt aufwiegen kann.

Was ist das Schwierigste?
Ich bin ein schlechter Netzwerker, habe Probleme in der Kommunikation und bin ein Chaot. Gottlob habe ich zwei wunderbare Pfarrsekretärinnen in Opponitz und Hollenstein, die mir all das abnehmen und meine Schwächen abfedern.

Man sagt Ihnen eidetisches Gedächtnis nach? Stimmt es, dass Sie Evangelien frei zitieren können und ohne Manuskript predigen?
In Reith habe ich tatsächlich fast nie ein Messbuch. Es liegt mir am Herzen, frei zu sprechen. Alle drei Jahre wiederholt sich das Evangelium, da muss man schon aufpassen, dass man sich selbst nicht zu sehr wiederholt. Auf ein Archiv kann ich nicht zurückgreifen, also lese ich im Vorfeld zu den jeweiligen Themen passende Beiträge.

Hilft Ihnen das weltliche Leben in der Seelsorge, wenn Sie um Rat gebeten werden?
Das ist auf jeden Fall ein absoluter Vorteil. Für manche ist es auch wichtig zu wissen, dass ich schwere Arbeit kenne. Das habe ich noch nie erzählt, aber ich war sogar einmal Gewichtheber in der österreichischen Nationalmannschaft. Das basiert auf einer Wettgeschichte. Ich habe ein ganzes Jahr lang wie verrückt trainiert, um die Qualifikation zu schaffen und war dann acht Jahre sehr aktiv. Fußball spiele ich schon seit meiner Jugend, auch heute noch. Bei der heurigen Fußball-Europameisterschaft in Ungarn haben wir Österreicher den respektablen achten Platz erreicht. Gutes Mittelfeld eben.

Wie darf man sich das Training vorstellen? Gemeinsam oder jeder für sich allein?
Ich hoffe doch, dass jeder für sich trainiert. Das merkt man eh, wenn es einer nicht tut. Im Vorfeld zum Futsal, die EM findet in der Halle statt, treffen wir uns schon vier, fünf Mal zu einem Trainingsspiel und im Sommer gibt es meist drei Benefizspiele.

Wem drückt der liebe Gott eigentlich die Daumen, wenn in beiden Mannschaften sein Bodenpersonal gegeneinander antritt?
Wahrscheinlich denen, die am meisten beten. Darum gewinnen immer die Polen, auch die heurige EM. (lacht)

Vom neuen Papst Leo XIV. hört man seit seiner Wahl außerhalb von klerikalen Medien wenig. Was schätzen Sie an ihm besonders?
Ich habe schon während des Gottesdienstes erfahren, dass wir einen neuen Papst haben. Nach dem Vaterunser wurde der Name genannt und ich habe zu den Messbesuchern gesagt, wenn sich einer Leo tauft, dann ist er Friedenspapst. Und das ist er. Seine Diplomatie und das Bemühen um Frieden schätze ich sehr. All das findet abseits der Öffentlichkeit statt. Wenn irgendwo zwei Parteien Krieg führen, laufen die Fäden immer wieder über den Vatikan, vermittelt der Papst. In Kriegszeiten mischt die Kirche immer sehr stark mit, schweigt aber darüber, um die Bemühungen im Hintergrund nicht zu belasten, um Friedensprozesse in Gang zu halten. Nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Israel, Somalia, im Sudan, einfach überall dort, wo gekämpft wird.

In den letzten Jahrzehnten wurden die nicht rühmlichen Seiten der Kirchengeschichte aufgearbeitet und vermehrt die Verfehlungen der Kirche öffentlich gemacht. Was wünschen Sie sich für die Kirche?
Ich wünsche mir ein bisschen mehr Barmherzigkeit der Institution gegenüber. Klar ist im Lauf der Jahrhunderte einiges schiefgelaufen und darüber soll und kann man reden. Ich möchte aber zu bedenken geben, es gibt keine andere Institution, die auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann. Es ist einfach, am Wirtshaustisch über etwas, das vor 800 Jahren passiert ist, zu diskutieren. Das geschieht halt oft, aus dem Zusammenhang gerissen und ohne die Hintergründe zu kennen. Wenn man etwas nicht kennt, urteilt man locker. Man muss hineinwachsen und sehen, wie viel Gutes die Kirche auf der ganzen Welt vollbringt. Es sind Zigtausende um des Glaubens willen im Gefängnis. Da wird nicht um Rache geschrien, sondern um Verzeihung, Versöhnung, um Frieden. Das ist die Stärke der Kirche, dass sie nie um Rache schreit, was sie aber angreifbar macht. Sehr viele Medien machen sie schlecht, weil das für Verkaufszahlen sorgt, das Gute wird selten kolportiert. Überall dort, wo das Christentum lebt, herrscht Frieden, gibt es Wohlstand, gibt es Reichtum. In den anderen Ländern wird gekämpft, wird Rache geübt. Man braucht nur die Landkarten anzuschauen, dann weiß man, was das Christentum eigentlich Gutes und Wertvolles leistet auf der Welt.

Viele sorgen sich um die Islamisierung des Westens. Wie stehen Sie zu diesen Befürchtungen?
Gerade in Städten, wo die Moslems in den Schulklassen fast schon in der Mehrheit sind, haben die Christen nichts mehr zu sagen oder werden gar gemobbt, wenn sie in der Pause Wurst aus Schweinefleisch essen. Entscheidend ist hier die Geduld der Lehrer. Man muss immer wieder, nie enden wollend, gebetsmühlenartig auf das Miteinander hinweisen. Das funktioniert. Da passiert schon viel, das darf man nicht unterschätzen, was Lehrer da an Energie und Geduld aufwenden, was mehr oder weniger christliches Denken ist. Auf dieses Denken von Menschenrechten hat sogar der oberste Imam von Österreich hingewiesen und gesagt: „Wir Moslems kommen nicht umhin, die christlichen Menschenrechte so in unseren Glauben zu integrieren, dass sie Teil unseres Glaubens werden.“ Dieser Imam weiß um das Menschenrecht, die Würde der Frau,
das Ansehen der Frauen. Das ist christliches Denken.

Das klingt nach christlicher Schwerarbeit …
Das ist Schwerarbeit. Auch innerhalb der katholischen Kirche. Wir haben noch sehr viel vor uns. Gott ist die Gleichberechtigung. Darum muss auch die Rolle der Frau in der Kirche neu gedacht werden. Die Priesterweihe einer Frau ist bei uns in Europa schon längst denkbar und auch gewünscht. Leider bremsen die asiatischen Christen, die aktuell die Mehrheit der Christen darstellen, diesen Prozess. Papst Franziskus hat gesagt, wir müssen zuhören, einander hören, voneinander lernen. Diesen Prozess müssen wir durchmachen, um auch in asiatischen Gebieten die Würde und das Ansehen der Frau zu stärken, um ihr ein Theologiestudium zu ermöglichen und sie zur Priesterin oder Diakonissin zu weihen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wordrap

  • Mein Wunschberuf als Kind: Verwalter eines Forstguts, weil das schon mein Onkel war und ich das auch sein wollte
  • Die berühmten Drei für die einsame Insel: Brot und Wein, um Eucharistie zu feiern, und eine Motorsäge (lacht)
  • Mein Sehnsuchtsort: mein Teich in Blindenmarkt
  • Wen ich gerne einmal treffen würde/getroffen hätte: Getroffen habe ich Papst Johannes Paul I., der ein wirklich heiligmäßiger Mensch war. Getroffen hätte ich gerne Papst Franziskus.
  • Team Hund oder Katze: weder noch, weil ich keine Zeit dafür hätte, um die Verantwortung zu übernehmen
  • Serientipp für ein verregnetes Wochenende: Ich besitze keinen Fernseher.
  • Mein letzter Konzertbesuch: im Urlaub ein Klapakonzert (Anm. d. Red.: kroatische Volksmusik)
  • Meine „letzte“ Mahlzeit: Letscho und Mohnnudeln
Veröffentlicht am 4. Oktober 2025

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