Von Newcomern, Starallüren und der Angst, im falschen Waidhofen zu landen – was Intendant Thomas Bieber beschäftigt

Die letzten Töne des diesjährigen Klangraums im Herbst unter dem Titel „Die Farben des Bösen“ hallen noch nach. Sein vorzeitiges Ende fand das hochkarätige Kulturfestival mit der Lesung aus Florian Klenks Buch „Über Leben und Tod“, in dem der „Falter“-Chefredakteur Gespräche mit Gerichtsmediziner Christian Reiter festgehalten hat. Der ursprünglich letzte geplante Programmpunkt „Mord in der Oper“ fiel einer Terminkollision zum Opfer und wurde ins nächste Jahr verschoben. Im Interview mit Redakteurin Karin Novak zieht Intendant Thomas Bieber, Kopf und Motor des renommierten Kulturzyklus‘, nicht nur Bilanz, sondern gibt auch erste Ausblicke auf den Klangraum im Frühling. Der studierte Musiker und Orchestermanager der Vereinigten Bühnen erzählt von seinem Näschen für aufstrebende Künstler, von unprätentiösen Stars, aber auch der Schwierigkeit, junges Publikum für Hochkultur zu gewinnen, und warum 20 Schilling eine Menge Geld waren
Der diesjährige Klangraum im Herbst war wieder eine Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Veranstaltungen. Gibt es ein persönliches Liebkind?
Nein, da lässt sich keine einzelne nennen. Jede für sich war eine große Freude. Frisch in Erinnerung sind naturgemäß die jüngsten Veranstaltungen, wie der Abendstern, der zum Niederknien schön war. Karl Markovics hat großartig gelesen und Franz Schubert in ein neues Licht gerückt, das Biedermeier-Idyll entstaubt. Rafael Fingerlos, der die Schubertlieder gesungen hat, zählt für mich ohnehin zu den grandiosesten Lied-Sängern. Aber auch die letzte Veranstaltung vorige Woche mit Florian Klenk war außergewöhnlich. Jakob Semotan hat dabei mit seinen Tom-Waits-Interpretationen den Kristallsaal gerockt.
Vor 20 Jahren hob Pianist Till Fellner den Klangraum in der Klosterkirche künstlerisch aus der Taufe. Wer hatte die Idee für ein Klassikfestival?
Ich wurde seinerzeit vonseiten der Stadt Waidhofen unter Bürgermeister Wolfgang Mair angesprochen, ein Konzept dahingehend zu erstellen. Man wurde wahrscheinlich auf mich aufmerksam, weil ich davor gemeinsam mit Wolfgang Schlag für den Kulturhof Ostarrichi in Neuhofen nach dem Jubiläumsjahr 1996 ein Nachfolgeprogramm entwickelt habe. Und das Konzept samt Namensgebung hat gefallen und auch die Idee, ungewöhnliche Locations für die Veranstaltungen zu suchen und charismatische Plätze zu bespielen. Mit dem Umbau des Schlosses Rothschild hat der Klangraum schließlich im Kristallsaal eine Heimat gefunden. Weshalb der Großteil der Veranstaltungen im Frühling und Herbst dort stattfindet. Es gibt auch noch ein Drei-Tages-Festival mit Erzählungen und Musik des Mittelalters, den Klangraum Dobra, er findet Anfang Juli auf der Burgruine Dobra im Waldviertel statt.
Was waren in diesen 20 Jahren Ihre Highlights?
Da gibt es so viele, das ist schwer zu sagen. Worauf ich aber stolz bin, ist, dass wir ein Näschen hatten und haben für in Österreich noch weniger bekannte Künstler. Diese Newcomer traten im Klangraum auf und eroberten in der Folge die Welt der Klassik. Oft waren sie dann zwei Jahre später im Musikverein oder Konzerthaus zu hören. Auch auf die Ö1-Sendezeit von bis zu 13 Stunden im Jahr bin ich stolz. Das zeugt von der Qualität des Festivals. Besonders freue ich mich aber über das Vertrauen des Publikums, das oft nicht weiß, was es zu erwarten hat und einfach in dem Glauben kommt, dass dem Thomas Bieber schon etwas Spannendes eingefallen sein wird.
Es standen neben Newcomern aber auch zahlreiche namhafte Stars der Hochkultur auf der Bühne. Waren darunter auch welche mit Starallüren à la Pavarotti oder Callas?
Ganz selten. Interessanterweise sind die großen Künstler oft vollkommen unkompliziert, unprätentiös. Es sind eher die, die noch im Werden sind, die vielleicht ein bisschen anstrengender sein können. Einmal hatte ich eine Sängerin, die sehr – sagen wir – konsequent lebt. Sie brauchte Allergiker-Bettwäsche und ernährte sich ausschließlich von Spargel und Reis. Ich habe meine Freunde in alle Richtungen ausgeschickt, um Spargel aufzutreiben. Glücklicherweise war Mai und es gelang. Auf der Bühne war die Dame aber großartig.
Was war die bisher größte Panne?
Echte Pannen gab es zum Glück bis jetzt nicht. Nur einmal wurde ich ziemlich nervös, als Martin Grubinger, damals ganz am Anfang seiner Karriere, drei Stunden zu spät zur Probe gekommen ist. Was meine Angst nährte, die ich seit Anbeginn habe, dass irgendwann ein Künstler versehentlich in Waidhofen an der Thaya landet. Bis jetzt konnten wir das
erfolgreich verhindern, aber das passiert bestimmt irgendwann. (lacht)
Gibt es einen großen Künstler, den Sie sich wünschen, den Sie aber noch nicht gewinnen konnten?
Da fällt mir momentan niemand ein, wir durften tatsächlich schon sehr viele große Künstler begrüßen. Was mich eher verwundert, ist, dass manche Waidhofner nach Wien oder Salzburg fahren und teures Geld ausgeben, um einen Künstler zu hören, aber denselben Künstler beim Klangraum nicht besuchen. So geschehen und gesehen bei Jordi Savall, dem Weltklasse-Gambisten und Spezialisten für Alte Musik.
Apropos Publikum: Ist das Interesse für Klassik eine Frage des Alters? Oder anders formuliert: Wie schwierig ist es, junges Publikum für Klassik zu begeistern?
Sehr schwierig. Für gewöhnlich ist das Konzertpublikum tatsächlich ein älteres. Das ist mit ein Grund, warum ich manche Veranstaltungen ohne Eintritt anbiete, um junges Publikum anzusprechen und etwaige Berührungsängste abzubauen. Mit dieser Problematik müssen sich aber alle Klassikveranstalter auseinandersetzen, nicht nur der Klangraum. Mich fasziniert Klassik schon seit meinem fünften Lebensjahr, als ich begonnen habe, Klavier zu lernen. Ich habe dann als Organist schon gutes Geld verdient. Pro Messe gab es 20 Schilling, das war viel Geld für einen Zehnjährigen. Und mit 15 Jahren bin ich nach Wien gegangen, um Horn und Tonsatz zu studieren. Also, ich glaube nicht, dass Interesse für Klassik allein eine Frage des Alters ist.
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für die Themen des Klangraums?
Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich beginne irgendwo
und schaue, wohin es mich führt, plaudere dazwischen mit Künstlern, ändere dann wieder die Richtung und irgendwann ist es dann da.
Steht das Thema für den Klangraum im kommenden Frühling schon fest? Und vielleicht auch schon der eine oder andere Name?
Nach „Die Farben des Bösen“ widmen wir uns „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“. Ich bin aktuell beim Ausarbeiten der einzelnen Programmpunkte. Einer davon wird eine psychedelische „Alice im Wunderland“-Geschichte, eine andere vermutlich eine erotische Lesung spätabends. Das alles ist erst im Werden. Zwei Künstler stehen für den kommenden Klangraum aber schon fest: Philipp Hochmair mit der Elektrohand Gottes und Mechthild Großmann, vielen als kettenrauchende Staatsanwältin im Tatort bekannt.
Wobei entspannt ein derart vielbeschäftigter Intendant und Orchestermanager am besten?
Ganz klassisch, beim Wandern, Kochen und Essen mit Freunden.
Herzlichen Dank für das inspirierende Gespräch!
Wordrap
- Mein Wunschberuf als Kind: Musiker
- Die berühmten Drei für die einsame Insel: Klavier, Wein und gute Messer
- Mein Sehnsuchtsort: Wachau
- Wen ich gerne einmal treffen würde/getroffen hätte: Jesus Christus
- Team Hund oder Katze: Hund
- Serientipp für ein verregnetes Wochenende: Screwball-Komödien aus den 30er-, 40er-Jahren. Unbedingt ansehen: „The awful truth“ mit Cary Grant.
- Mein letzter Konzertbesuch: vergangenen Sonntag mein eigenes
- Was ich schon immer einmal tun wollte, mich aber bis jetzt nicht getraut habe: Fahren mit dem Heißluftballon, ich hab‘ Höhenangst
- Meine „letzte“ Mahlzeit: Ich habe viele Lieblingsspeisen, spontan fallen mir das Lamm von Helge Stiegler und frische Meeresfrüchte ein. Frau

