Kolumne von Chefredakteurin Sandra Grafenender

Ich war gerade zum ersten Mal Mama geworden und besuchte mit dem frisch geschlüpften Zwerg meinen Papa in seiner Wohnung. Noch etwas unbeholfen stapfte ich mit dem Maxi-Cosi am Arm die Stufen des Wohnhauses rauf. Eine alte Nachbarin erblickte uns im Stiegenhaus, kam freudig auf meine Tochter zu und streichelte ihr die kleine Patschhand. „Na so ein liabes Buzzi“, meinte die alte Frau und streichelte nun auch vorsichtig über ihre Wangen. Mir war das als frische Mama überhaupt nicht recht, lächelte jedoch freundlich. Doch die Nachbarin würdigte mich keines Blickes, richtete nur weiterhin ihre trüben Augen auf das kleine, rosige Bündel in der Babyschale an meiner Armbeuge, streichelte nun wieder die Babyhand und murmelte leise: „So schen, wenn man jemand streicheln kaun, wann immer ma wü.“
An diese Begegnung muss ich oft denken, dieser Satz hat sich eingebrannt. Meine Kinder sind nun Teenager und die Tage, an denen ich sie streicheln und kuscheln konnte, „wann immer ich wollte“, sind lange gezählt. Ich habe das Verlangen der alten Frau damals nicht verstanden. Aber dieser kurze Moment mit einem wildfremden Kind, ein Moment der menschlichen Nähe und Wärme war für sie vielleicht das Highlight der Woche. Einsamkeit hat viele Gesichter, jeglichen Alters. Wer knapp bei Kuschel-Kasse ist, geht mit dem schlechten Bankbeleg meist nicht hausieren. Dabei braucht es oft nicht viel, um den absoluten Bankrott zu verhindern. Ein kleines Lächeln kann die Seele streicheln und das zählt mindestens genauso wie echte Berührungen. Füllt ihr regelmäßig das Kuschel-Konto eurer Mitmenschen? Und wie schaut eure eigene Bilanz eigentlich aus?

