Veröffentlicht am 10. April 2026

Kürzlich im Wirtshaus Roßau mit Gen Z

Kommentar von Herausgeber Leo Lugmayr über ein Schnitzel, einen Stammtisch und die Hoffnung, dass Bewährtes doch nicht verloren geht.

Unlängst saß ich mit einem sehr guten Freund, den ich gelegentlich in Wien treffe – ein Wahl-Wiener aus dem Ybbstal – zu Mittag im Wirtshaus Roßau in der Wiener Hahngasse unweit der U-Bahnstation Roßauer Lände. Er studiert Politikwissenschaften an der Universität Wien und ist einer meiner liebsten Diskussionspartner für heiße politische Debatten. Heiß meint in dem Fall, dass wir einander argumentativ wirklich nichts schenken, auch nicht bei den Themen Iran, Ukraine-Krieg oder Spritpreisbremse, aber dabei stets wertschätzend bleiben. Das Lokal Wirtshaus Roßau war sein Vorschlag, weil er gehört hatte, dass dort die Schnitzel besonders gut wären. Das hat sich tatsächlich bestätigt. Der Zufall wollte es, dass gerade an diesem Mittwoch Schnitzel in Kren-Senf-Panier mit Erdäpfelsalat, dazu noch eine Leberknödelsuppe, wo der Leberknödel vom Fleischer aus dem Bezirk stammte, „Mittwochsteller“, also Mittagsmenü war. In Summe um 10,90 Euro für Wiener Verhältnisse wohlfeil.

Das Wirtshaus hätte vom unaufgeregt gemütlichen Ambiente her auch der Punti-Wirt in der Ybbsitzer Straße oder ein anderes Wirtshaus im Ybbstal sein können, nicht nur, weil das Schnitzel ausgezeichnet war, sondern auch – weil man mitbekam, dass die meisten Mittagsgäste Stammgäste waren. Kren-Senf-Panier – noch nie gehört, aber herrlich geschmeckt! Dem Wirt schmeckt sein Essen selber auch – das sieht man – und er hat Humor, das merkte man etwa daran, dass er eine Lehrerin am Nebentisch, die sichtlich abgespannt („Des war wieda a Tog!“) aus der Schule kam, mit der „charmanten Beleidigung“ begrüßte: „Wos, du arbeitest heute a noch, ich habe geglaubt, Dienstagmittag seid’s ihr schon fertig?“ Beide lachten, bevor die Pädagogin zum Mittags­teller einen Spritzer und schließlich einen zweiten bestellte, um ihre Lehrerinnennerven zu kühlen. Dass jener Wiener Bürgermeister, von dem der Ausspruch samt Unterstellung stammte, selten ohne Spritzer in der Hand fotografiert wurde, passte zum Bild.

Dann kam die Überraschung. Mein Diskussions- und Mittagstischpartner meinte: „Ich möchte in so einem Lokal in Wien einen Stammtisch für meine Freunde aus dem Ybbstal, die auch in Wien leben, einrichten. Einen Stammtisch, der einmal im Monat stattfindet, und für den man sich nicht übers Handy verabreden kann. Sondern: Wer da ist, ist da, wer keine Zeit hat, der fehlt auch nicht.“ Das erinnerte mich an meine Jugend, als es noch keine Smartphones gab und ich häufig zum „Fredl“ (Anm.: Gasthaus zum Halbmond) oder zum „Zwettler“ und jeden Samstag ins Kaffeehaus pilgerte, ohne auch nur wissen zu können, wen ich dort treffen würde. Aber es waren dann stets die richtigen Leute dort.

„Retro“, könnte man sagen, ist der Wunsch meines Gegenübers im Wirtshaus. Oder: Die „Gen Z“ (als Generation Z gelten die Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010) – die erste Generation, die als „Digital Natives“ mit Smartphone und Social Media aufgewachsen ist – hat Sehnsucht nach einem Stammtisch alten Stils! In der Fastfood-Gastro gibt es keine Stammtische. Da habe ich mir gedacht: Die Welt ist nicht verloren! Die Wirtshauskultur auch nicht! Über Jahrhunderte Bewährtes kommt dann doch wieder zurück. „Cu“ (= See you!)beim Roßauer Wirt oder in einem Wirtshaus im Ybbstal. Ich bin schon gespannt, wen ich dort treffe.

Veröffentlicht am 10. April 2026

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