Veröffentlicht am 4. September 2026

Schulbeginn: Was soll Schule heute eigentlich leisten?

Kommentar von Herausgeber Leo Lugmayr über die Aufgaben der Schule von heute

Wenn am Montag wieder die Schulglocken läuten, beginnt nicht einfach ein neues Schuljahr. Es beginnt ein Stück Alltag, das für Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer längst weit mehr bedeutet als Rechnen, Schreiben und Sachkunde. Schule ist heute ein Ort, an den wir erstaunlich viele Erwartungen richten, vielleicht manchmal zu viele. Vor 150 Jahren war Schule vor allem ein Privileg und zugleich ein Instrument, um Kindern das Nötigste für ihr Leben mitzugeben. Vor 65 Jahren (!) fand – getrieben von Unterrichtsminister Heinrich Drimmel – die letzte „wirklich große“ Schulreform statt: Das österreichische Schulwesen wurde 1962 durch ein umfassendes Schulgesetz neu geregelt. Neben der Verlängerung der Schulpflicht auf neun Jahre wurde eine neue Form der Lehrerausbildung eingeführt.

Schule soll Wissen vermitteln, Talente entdecken, soziale Kompetenz und Sprachfähigkeit fördern, digitale Fähigkeiten lehren, Integration und Inklusion ermöglichen, auf eine unsichere Arbeitswelt vorbereiten und nebenbei auch noch auffangen, was anderswo – in der Familie, in der Community – schiefläuft. Schule soll auf ein Leben mit künstlicher Intelligenz, Klima-Herausforderungen und eine Welt der multiplen Krisen und zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten vorbereiten, wobei niemand sagen kann, wie die Welt, in die die Kinder hineinwachsen, in 20, 30 oder 40 Jahren aussehen wird. Niemand weiß, was die Arbeitswelt in zwei Jahrzehnten Menschen abverlangen wird, worauf Schule sie aber jetzt vorbereiten soll, ja muss! Nur eines sagen Zukunftsforscher uns sicher voraus: In zwei Jahrzehnten wird es 50 Prozent der Berufe von heute nicht mehr geben, dafür aber Berufe mit vorausgesetzten Fertigkeiten, von denen wir heute noch keine Ahnung haben.

Doch wo endet der Auftrag der Schule? Und wo beginnt jener der Eltern, jener der Gesellschaft? Eltern haben heute zweifellos mehr Möglichkeiten als frühere Generationen – aber auch mehr Verantwortung. Sie sollen ihre Kinder fördern, begleiten, motivieren, Grenzen setzen, Medienkonsum im Blick behalten, bei Hausübungen helfen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Schule nicht zum täglichen Konfliktfeld wird und das Kind glücklich aufwächst. Die Öffentlichkeit wiederum erwartet: Schule soll Leistung fördern und fordern, aber niemanden überfordern und ja niemanden zurücklassen. Sie soll Werte vermitteln, aber weltanschaulich neutral bleiben.

Dabei haben wir im Ybbstal allen Grund zur Dankbarkeit. Unsere Kinder wachsen in einer Region auf, in der Schule noch Teil einer überschaubaren Gemeinschaft ist. Lehrer kennen Familien und umgekehrt, Vereine tragen Gemeinschaft, Nachbarschaften funktionieren, und der Weg zur Schule ist vielerorts noch ein Weg durch vertraute Straßen, vorbei an vertrauten Gesichtern. Das ist anderswo längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Schule kann nicht alle Probleme lösen. Sie kann aber ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, was eine Gesellschaft zusammenhält: Verantwortung, Respekt, Toleranz, Neugier und die Bereitschaft, etwas beizutragen, Teilhabe, Partizipation. Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe der Schule; heute genauso wie vor 150 oder vor 65 Jahren. Ich wünsche einen schönen Schulanfang: allen Kindern, Jugendlichen, Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Direktorinnen, der Schulaufsicht und dem Herrn Minister!

Veröffentlicht am 4. September 2026

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