Veröffentlicht am 18. Mai 2026

Ulrich Küchl verunglückt

Abschied von einem Suchenden in der Musik

So kannte ihn Waidhofen bei den Konzerten des Kammerorchesters: interessiert an der Stadt, gut gelaunt, ein international anerkannter Komponist und präziser Analyst auch für das Kammerorchester. © Leo L.

Der Komponist und Geistliche Ulrich Küchl ist am 9. Mai bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mit ihm verliert Österreich eine unverwechselbare Stimme der zeitgenössischen Musik, deren Werk stets zwischen Spiritualität, moderner Klangsprache und humanistischem Ausdruck vermittelte. Er wurde 82 Jahre alt.

Ulrich Küchl, 1943 im ostpreußischen Königsberg geboren und nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Österreich gelangt, war vielen zunächst als katholischer Priester und langjähriger Propst des Stiftes Eisgarn bekannt. Ulrich Küchl ist in Waidhofen aufgewachsen. Von 1962 bis 1967 studierte er Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Pölten. 1967 wurde er in Waidhofen zum Priester geweiht. Seine geistliche Laufbahn führte ihn zunächst als Kaplan durch fünf Pfarreien in NÖ. 1972 wurde er dann Pfarrer in Waldkirchen/Thaya an der tschechischen Grenze. 1976 wurde er Propst des kleinsten Stiftes Österreichs in Eisgarn im Bezirk Gmünd. Dort baute Ulrich Küchl die Stiftsgebäude und ein Priesterkollegium wieder auf und gründete die „Waldviertler Stiftskonzerte“, an denen 25 Jahre lang auch das „Waidhofner Kammerorchster“ mitwirkte, an dem Neue Musik ebenso selbstverständlich erklang wie geistliche Werke und klassische Kammermusik. Internationale Aufführungen führten seine Musik weit über Österreich hinaus – nach Tschechien, in die Slowakei, nach Norwegen und Japan.

„Großen Goldenen Ehrenzeichen“ und „Prälat Seiner Heiligkeit“

Die Marktgemeinde Eisgarn ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger, das Land NÖ zeichnete Ulrich Küchl mit dem „Großen Goldenen Ehrenzeichen“ aus. Auch ist ihm 1997 der Kulturpreis des Landes NÖ verliehen worden. Für die Diözese St. Pölten wirkte Ulrich Küchl sieben Jahre als Bischofsvikar für Künstler und wurde von Papst Johannes Paul II. zum „Prälat Seiner Heiligkeit“ ernannt.

Die musikalische Laufbahn von Ulrich Küchl begann auf der kleinen „Breinbauer-Orgel“ in der Waidhofner Klosterkirche. In St. Pölten besuchte Küchl die „Diözesankirchenmusikschule“, heute „Diözesankonservatorium“. Das einschneidenste musikalische Ereignis war für Küchl die Feundschaft mit Gottfried von Einem seit 1979. Küchl war auch sein privater Schüler. Gottfried von Einem ermutigte seinen Freund zur kompositorischen Tätigkeit und ermöglichte ihm die Aufführungen mehrerer Werke im „Carinthischen Sommer“.

Ulrich Küchl blieb Waidhofen stets verbunden

Nach der kirchenpolitisch motivierten Auflösung und Enteignung des Stiftes Eisgarn lebte Ulrich Küchl zwei Jahre am Mannhartsberg und zuletzt in seinem Privathaus in Eisgarn. Waidhofen – insbesondere dem Waidhofner Kammerorchester – war er stets verbunden. In die Geschichte des Orchesters hat er sich mit mehreren Werken, die das Kammerorchester uraufgeführt hat, eingeschrieben, insbesondere mit der Komposition „Waidhofner Fanfare“.

Sein kompositorisches Oeuvre umfasst mehr als fünfzig Werke: Chorwerke, Kammermusik, Orchesterstücke, geistliche Musik und musikdramatische Arbeiten. Küchl verstand Musik nie als bloßes ästhetisches Experiment. Für ihn war sie Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit und spiritueller Suche. „Jede Musik muss von der menschlichen Stimme ausgehen“, lautete eines seiner programmatischen Bekenntnisse. Seine Werke verbanden häufig freitonale Harmonik mit liturgischen Anklängen und einer ausgeprägten melodischen Linie.

Besondere Aufmerksamkeit fanden seine Chorwerke wie Voces oder seine Kammermusik, darunter das dem berühmten Küchl-Quartett, das von seinem Bruder, dem langjährigen Konzertmeister der Wiener Philharmoniker Rainer Küchl gegründet worden war, gewidmete Quartett für Streicher. In Werken wie Kontraste I zeigte sich seine Fähigkeit, Tradition und Moderne miteinander zu versöhnen: Choralzitate trafen auf expressive Klangflächen, geistliche Motive auf rhythmische Energie.

Mit Ulrich Küchl verliert die österreichische Musikszene keinen Vertreter des Lauten oder Spektakulären, sondern einen stillen, beharrlichen Künstler. Sein Werk bleibt als Versuch, Glauben, Zweifel, Erinnerung und Hoffnung in Klang zu verwandeln. In einer Zeit zunehmender Oberflächlichkeit hielt Küchl an der Überzeugung fest, dass Musik mehr sein könne als Unterhaltung: ein Raum der inneren Sammlung – und der Suche nach dem Zukünftigen.

Veröffentlicht am 18. Mai 2026

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