Kommentar von Herausgeber Leo Lugmayr über die Menschen, die Orte besonders machen

Ein treuer Leser und Abonnent des „Ybbstalers“, mit dem ich vergangenen Samstag in Hollenstein gemeinsam mit Christian Hochauer und Wolfgang Kefer am schattigen Rand hin zum Bach beim Festakt zu „45 Jahre Naturpark NÖ Eisenwurzen“ zu sitzen kam, hat gemeint, ich solle doch einmal über „diesen Platz hier beim Wentsteinhammer“ etwas schreiben. Gute Idee, dachte ich mir noch, um dann auf der Heimfahrt doch wieder daran zu zweifeln. Denn, was ist denn schon so besonders an einem renovierten Hammerwerk, von dem nur noch Überreste des einstigen Gebäudes erhalten sind? Auch wenn ein überdachter Grill- und Spielplatz zu einer Rast einlädt, und sich hier ein Wohnmobilstellplatz mit allen notwendigen Einrichtungen – neuerdings bis hin zur Dusche – befindet und der Platz gut als Ausgangspunkt für Wanderungen und Mountainbiketouren genutzt werden kann. Zugegeben, als Start für eine familientaugliche Wanderung ist der Platz ideal. Ja, und auch bezüglich Ruhe in der Nacht, wo sich noch die natürliche Dunkelheit samt Sternenhimmel abseits von Lichtverschmutzung einstellt. Der Parkplatz in der nahen Promau gilt sogar als Lichtschutzgebiet („Dark Sky Park“), weil man dort bei Neumond oder vor Aufgehen des Mondes noch den reichen Sternenhimmel bewundern kann, nachdem sich die Augen an die Finsternis angepasst haben. Haben Sie schon einmal die Milchstraße mit freiem Auge gesehen? Aber, was den Wentsteinhammer eigentlich so besonders macht, ist der Umstand, mit wieviel ehrenamtlichem Engagement, wie viel Bemühen seitens der Gemeinde und der Hollensteiner Wirtschaft, mit wie viel langem Atem derartige montanhistorische Denkmäler vor dem Verschwinden gerettet wurden und weiterhin werden. Denn mithilfe eines EU-Leader-Projekts geht es in Hollenstein jetzt als „Wentsteinhammer 2.0“ weiter. Was Bürgermeister Franz Gratzer 1979 gemeinsam mit Willi Bissenberger, der bis heute hier unermüdlich aktiv ist, begonnen hat, und was Menschen wie Christian Hochauer, Christina Forsthuber und viele Ehrenamtliche weitergeführt haben, trägt deren Handschrift. Das macht derlei Plätze für uns Einheimische so außergewöhnlich: Man kennt die Menschen – und es waren in Hollenstein viele –, die ihr Hirnschmalz eingebracht und sich die Ärmel hochgekrempelt haben, um bei beschränkten Mitteln Gebäuden wie dem Wentsteinhammer oder dem Treffenguthammer neues Leben einzuhauchen. Es sind die Menschen, die das Besondere ausmachen! Das dachte ich mir auch, als ich vergangene Woche mit dem Zug von den Bregenzer Festspielen heimfuhr. Ich war nicht nur dort, um Guiseppe Verdis „La traviata“ im unvergleichlichen Ambiente der Seebühne und vor dem kolossal zerbrochenen Spiegel als Bühnenbild zu erleben, sondern vor allem, um das Werk von Ybbstalern, die am Gelingen der Festspiele beteiligt sind, für unsere Zeitung zu recherchieren: die beiden Wiener Symphoniker aus Waidhofen Stefan Pöchhacker und Markus Obmann sowie Florian Six, der im Rahmen seines Tonmeister-Studiums deren Musik auf der Seebühne zur Geltung bringt. Zu wissen, dass dort Ybbstaler am Werk sind – und wie Martin Ortner lange Jahre am Werk waren –, macht aus dem anonymen Opernerlebnis etwas viel Größeres.
Der oben genannte treue Leser und Abonnent des „Ybbstalers“ hat schon recht: Wenn man genauer hinschaut, dann haben die Überreste eines alten Hammerwerks etwas sehr Gegenwärtiges, weil sie von Menschen unserer Zeit belebt wurden und werden. Darin liegt ihr vielleicht noch viel höherer Wert, der über das Museale weit hinausreicht. Stimmt: Darüber sollte man noch viel mehr schreiben! Ich habe es mir jedenfalls vorgenommen.



